Hands on: Phase One XF IQ3 100MP

Hochgezüchtete Technik und definitiv Wahnwitz in Sachen Auflösung: Die Phase One XF IQ3 100MP.

Hier im Blog schreibe ich mittwochs über Kameras, Objektive und ab und zu auch über Handys, bei denen ich die Gelegenheit hatte, sie mal auszuprobieren. Fast immer handelt es sich dabei um brandneue Geräte und immer wieder auch um solche, die es zum Zeitpunkt meines Artikels noch nicht zu kaufen gibt. Letztes Jahr waren es 39 Artikel, im Jahr zuvor 34.

Mit anderen Worten: Ich habe schon so manche Kamera in der Hand gehabt und so einiges gesehen.

Die Faszination Mittelformat hat mich dabei stets begleitet. Selbst für jemanden, der die Möglichkeit hat, jede aktuelle Kamera in die Hand zu bekommen, sind MF-Kameras nochmal eine ganz andere Hausnummer. Einfach, weil sie nicht so häufig erneuert werden und bereits von der Preisklasse her eine ganz andere Nutzerschaft ansprechen.

Insofern war ich auch unheimlich happy, die Pentax 645Z mal ausprobieren zu können, mit der ich dann auch direkt ein Shooting gemacht habe. Diese Kamera ist ziemlich gut benutzbar für jemanden, der aus der DSLR-Welt kommt, aber dennoch kein Spielzeug. Das Arbeiten mit ihr ist ein wenig gewöhnungsbedürftig und es ist beileibe keine Allround-Kamera.

Und: Sie ist trotz Mittelformatklasse und riesigem Sensor nichts im Vergleich zu dem Monstrum, das ich vor zwei Wochen ausprobieren durfte.

Die Phase One XF IQ3 100MP ist ziemlich sicher die neueste Evolutionsstufe nicht nur in Sachen Sensortechnik. Sie setzt auch die Messlatte im digitalen Mittelformat höher.

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Eindruck

Phase One ist der schneidige Mitbewerber im Mittelformatbereich. Das moderne, jüngere Ding. Der Konkurrent zu Hasselblad. Vor ungefähr einem Jahr hat der Hersteller seine Kameraplattform erneuert und das XF-System heraus gebracht.

Denn in der Mittelformatwelt läuft es damit ein wenig anders. Statt komplette Kameras auf den Markt zu werfen, trägt der Systemgedanke hier stärker. Die XF-Plattform ist daher eher eine Art Gehäuse mit Steuerungs- und Bedienungselektronik. Suchersystem, Objektiv und sogar der Sensor mit der bildverarbeitenden Elektronik sind „Zubehör“.

Bei der XF-Version wurden einige Verbesserungen vorgenommen. Ich ergehe mich dabei aber nicht in Details, denn wen interessieren hier schon die Umsortierungen der Buttons oder die Verlängerung des Griffs gegenüber der Vorgängerplattform, die eh fast keiner im Leben mal hautnah sehen konnte? Auf andere Details gehe ich aber später noch ein. Viel wesentlicher ist vermutlich eh das sogenannte „Back“.

Denn an die Rückseite der Kamera wird das digital Back angebracht – die eigentliche Aufnahmeeinheit. Dort, wo früher der Film war, setzt man den Sensor an, der in einem kleinen Kasten daher kommt, in dem gleichzeitig auch Prozessor, Elektronik und LCD sind. Viele Fotografen bevorzugen beim Mittelformat einen Lichtschachtsucher. Den gibt es auch für das XF-System. Ich selbst hatte die Kamera aber mit Prismensucher.

Ist alles montiert, wirkt die komplette Kamera ziemlich eindrucksvoll. Das Ding ist nicht nur groß und wuchtig, es bringt auch über zwei Kilogramm auf die Waage.

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Das Shooting

Fotos: mworkz, schoefferarts
Model: @giomontrasio
MakeUp: @siesofia

Im Gegensatz zu den meisten anderen Kameras bin ich mit der Phase One mal nicht nach draußen gegangen, um ein paar Schnappschüsse zu machen. Dafür war zum einen nicht genug Zeit und zum anderen – ich gebe es zu – hatte ich zuviel Schiss, das Ding runterzuwerfen.

Trotzdem wollte ich unbedingt damit fotografieren und mit meiner umwerfenden Partnerin haben wir kurzerhand ein kleines Shooting organisiert. Ihr seht daher vornehmlich auch Bilder aus dem Shooting. Beziehungsweise vom Shooting und nicht so sehr solche aus der Kamera. Unten habe ich eines der Bilder in voller Auflösung verlinkt. Weitere wird es später hier im Blog auch noch geben, aber erst, wenn ich an ihnen arbeiten konnte.

Wer sich offizielle Testbilder aus der Kamera in voller Auflösung herunterladen will, findet welche hier.

Eigenschaften

hands-on_phase-one-xf-100mp_slant-back-topZuerst einmal die augenscheinlichsten Dinge, die mir selbst so aufgefallen sind: Der Sucher ist ein optischer und wahnsinnig groß. Schaut man hindurch, wirkt es, als strecke man seinen Kopf in einen Kinosaal. Hier herrschen feinste Optik und brilliante Glaselemente vor, die ein kristallklares Bild zaubern. Ebenfalls auffällig ist der Monitor auf der Oberseite. Das kennen DSLR-Nutzer hochwertigerer Geräte auch. Aber nicht in dieser Form. Denn der Monitor auf der Oberseite ist etwas mehr als ein Zoll groß und arbeitet mit OLED-Technik – bietet also starke Schwarz-Weiß-Kontraste, ist perfekt im Sonnenlicht ablesbar und berührungsempfindlich. Mit ihm kommt man also schnell durch die wichtigsten Einstellungen hindurch. Nicht nur die des Kamerabodies, sondern auch durch die des angeschlossenen Digital Backs.

Das Back ist selbst etwa so groß aber deutlich fetter als eine Kompaktkamera. Naja… man könnte fast sagen, selbst der Sensor ist so groß wie manche Kompaktkamera. Genauer gesagt, ist er fast 5,4 mal 4,0 Zentimeter groß. Und darauf versammelt er eine beeindruckende und eigentlich schon wahnwitzige Auflösung von 100 Megapixel. Das ist Weltrekord.

Das digitale Mittelformat ist bekannt für hohe Auflösungen. Seit einigen Jahren jedoch war das Wettrüsten bei 80 Megapixel zum Erliegen gekommen. Nun hat Phase One in einer gemeinsamen Entwicklung mit Sony noch einmal 20 Megapixel drauf geklatscht. Und zumindest momentan sieht es ganz danach aus, als macht ihnen das so schnell keiner nach. (Canon hat bereits einen 120MP-Prototypen, aber niemand weiß, wann der in Produktion gehen kann)

Auch wenn es sich um einen CMOS-Sensor handelt, den man bereits aus der DSLR-Welt kennt, ging Phase One nicht so weit wie Pentax, um auch DSLR-artige Features heraus zu holen. Die Lichtempfindlichkeit des IQ3-Backs ist für Mittelformat hoch, aber liegt mit einer Spanne von ISO 50 bis ISO 12.800 im heutzutage eher unteren Bereich. Das ist aber auch pure Absicht bzw. Notwendigkeit. Bei einer dermaßen hohen Pixeldichte, ist das Rauschverhalten ein ganz anderes als bei etwa 80 MP. Viel beeindruckender sind da Features wie die 16-Bit-Farbtiefe der Bilder oder die unfassbaren 15 Blendenstufen Dynamikumfang.

Zum Vergleich: Wirklich gute DSLRs und CSCs schaffen mit etwas Glück ihre 13 Blendenstufen. 14 habe ich noch nie eine Kamera erreichen sehen. Die 15 Blendenstufen halte ich aber dennoch für real, denn Messungen, bei denen ich dabei waren, kamen auf 13,9. Nicht, weil die Kamera nicht mehr schaffte, sondern weil die Messtechnik am Ende war. Es ging einfach nicht mehr. Die Kamera wollte aber schon – das war deutlich ablesbar.

Gesteuert wird das gute Stück übrigens mit mehreren Stellrädern, dem Touch-Screen oben und dem Touch-Screen hinten. Letzterer ist von unscheinbaren vier Tasten umgeben, die alternativ verwendet werden oder umbelegt werden können. Natürlich gibt es noch weitere zahlreiche Spielereien, zwei ungewöhnliche sind mir aber in besonderer Erinnerung geblieben. Zum einen hat die Kamera eine elektronische Libelle eingebaut, damit man das System ganz exakt gerade ausrichten kann. Zum anderen ist ein Seismograph verbaut.

Ja, richtig gelesen: Integriert ist ein Seismograph, der seine Messungen in Echtzeit auf das obere Display überträgt. So kann man grafisch ablesen, wann die Kamera ruhig steht. Außerdem lässt sich der Verschluss damit synchronisieren. Die Kamera macht dann erst ein Foto, wenn sie absolut ruhig steht.

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Ein Phase-One-Bild im Vergleich: Links das komplette Foto, rechts daneben die 100-Prozent-Ansicht. Das voll aufgelöste Bild ist hier zu finden (Achtung: 44 Megabyte).

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Performance

hands-on_phase-one-xf-100mp_slantWer glaubt, eine Mittelformatkamera einfach in die Hand nehmen und damit knipsen zu können, wird von der Phase One definitiv eines besseren belehrt. So, wie ich. Kauft man sich das gute Stück (oder denkt darüber nach), kommt man erstmal in den Genuss eines Profis, der vorbei schaut und die Kamera erklärt.

Schließlich ist sie einsatzbereit und fühlt sich augenscheinlich auf einem Stativ am wohlsten. Für Selfies ist der 2,5-Kilogramm-Irrsinn definitiv nicht geeignet. Ein (kräftiges) Stativ empfiehlt sich außerdem auch schon aufgrund der lächerlich hohen Bildauflösung. Schon bei der Sony A7R II kamen Diskussionen auf, wie stark sich Erschütterungen in Form von Bewegungsunschärfen auf die Bilder auswirken. Und wir sprachen dabei von lediglich 42 Megapixel. Jetzt sind wir bei mehr als dem doppelten – für richtig saubere Bilder braucht man demnach noch etwas mehr Feingefühl.

Beim Shooting hatten wir die Kamera via USB 3.0 an ein Macbook angeschlossen und sie von dort aus getethered. Das ging ganz gut, allerdings war die Echtzeitvorschau nicht immer praktisch. Man hätte auch ein iPad nutzen können, denn die Kamera hat ein WLAN-Modul eingebaut (Übrigens auch eine Profoto Air-Steuereinheit, aber das nur am Rande).

Ist die Kamera einmal eingestellt – hat man sie nicht in der Hand, ist das manuelle Fokussieren eine echte Empfehlung – liefert sie gemeinsam mit dem 80-Millimeter-Schneider-Kreuznach Bilder, bei dem einem die Tränen kommen können. Die Schärfe und die Detailfülle sind unfassbar. Man kann in ein Foto noch so sehr hinein zoomen, es tauchen immer weitere Details auf. Von Pixelmatsch keine Spur. Beginnt man dann noch an den Raw-Fotos zu spielen (die rund 150 Megabyte groß sein können), wird einem erstmal so richtig klar, wieviele Informationen in den Fotos stecken.

Immerhin beeindrucken diese mit Pixelmaßen von 11.608 mal 8.708 Pixel. Bei 300 DPI entspricht das einem Ausdruck auf 98 mal 73 Zentimetern. Durch solche Fotos muss man sich erstmal durchfinden. Aber dank der schnellen Übertragung und auch dem wirklich flotten Back selbst geht das ziemlich flott. Letzteres zeigt fast nie die kompletten Bilder hochauflösend an, sondern rendert lediglich die Bereiche, die gerade angezeigt werden. Das aber praktisch in Echtzeit, sodass es sich anfühlt, als scrollt man sich durch das komplette hochauflösende Bild. Oder man wischt sich durch, denn Fingergesten versteht das Back auch und zeigt neben der Bildvorschau auch Belichtungswarnungen, eine Infrarot-Map und einiges mehr an.

Fazit

Wer braucht so etwas wie die Phase One XF IQ3 100MP? Wer braucht 100 Megapixel? Ich denke, wir sind uns mittlerweile darüber einig, dass dies die falsche Frage ist. Längst dürfte klar sein: Ist es machbar, wird es gemacht.

Phase One hat die Messlatte in Sachen Auflösung, aber auch in der Bildqualität nocheinmal ein Stück höher gelegt und gezeigt, wieviel Potential in der Sensortechnik noch drin steckt. Die Kamera wird definitiv gekauft werden, soviel ist sicher. Und das auch trotz eines Preises von rund 45.000 Euro.

Das erste Mal damit zu shooten war nicht ganz einfach und erforderte ein wenig Umdenken und mehr Konzentration. Aber die Bilder, die man erhält, sind über alle Zweifel erhaben.

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Mehr!

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