Hands on: Leica SL (Typ 601)

Das erste „richtige“ Hands-on dieses Jahres auf mworkz.net. Und die letzte „richtige“ Kamera des vergangenen Jahres als Thema: Die Leica SL.

Leica… das ist einer der Namen in der Foto-Branche, die mit einem gewissen Kribbeln verbunden sind, wenn man sie ausspricht. Geschweige denn, wenn man eine der Kameras dieses Herstellers berührt. „Echte deutsche Wertarbeit“ sagen die einen, „eine Legende“ sagen die anderen.

Aber letztlich sind es nur Kameras.

Oder?

Ich hatte bisher viermal die Gelegenheit, mit einer Leica unterwegs zu sein. Genauer gesagt mit der X Vario, einer „Kompakten“ mit APS-C-Sensor. Mit der Leica T, einer im Grunde wenig interessanten Digitalkamera, aber einem spektakulären Auftritt. Außerdem mit der Leica Q, dem bisher jüngsten Sprössling aus Wetzlar. Auch dabei handelt es sich um eine etwas zu groß geratene Kompaktkamera, die an High-End-Technik von Panasonic erinnert, jedoch eine Neuentwicklung ist.

Genauso wie die Leica SL, mit der ich bereits im Dezember einige Stunden verbringen konnte. Sie jedoch ist wieder eine spiegellose Systemkamera. Und zwar eine, die laut den vollmundigen Presseversprechungen dem DSLR-Segment das Rückgrat brechen soll.

2016-online_0039_hands-on_leica-sl_005

Eindruck

Ich gebe es zu: Als ich die SL das erste Mal in der Hand hatte, dachte ich: Uäähh? Ernsthaft?

Die SL ist eine spiegellose Systemkamera. Und auf dem Gebiet sind wir inzwischen einige Standards und Trends gewohnt. Einer davon heißt „Kompaktheit“. Das ist eine Leitlinie, um die sich die Leica einen Dreck kümmert und schlicht links liegen lässt. Auch wenn es kein Bild der Kamera vermuten lässt: die SL ist ein ganz ordentlicher Brecher. Viel massiver und wuchtiger als es den Anschein hat.

hands-on_leica-sl_slant

Sie lässt sich eigentlich angenehm tragen und bedienen, ist mit knapp 15 Zentimetern Breite, zehn Zentimetern Höhe und einer Tiefe von fast vier Zentimetern aber deutlich voluminöser als so manch andere CSC. Auch das Gewicht von rund 850 Gramm mit Akku liegt über dem, was viele Einsteiger-DSLRs auf die Waage bringen. Bei Leica kommt das aber nicht von ungefähr, das weiß man auch. Der Hersteller legt Fotografen eine Auswahl an gefrästem Aluminium und Glas in die Hand, das staub- und wasserabweisend miteinander verbunden ist. Aus Glas besteht übrigens auch das Deckglas des LCDs hinten – versehen mit einer Beschichtung gegen Kratzer und Reflexionen.

Auffällig ist außerdem das Display auf der oberen Seite der Kamera. Es zeigt wie üblich die Basisaufnahmeinformationen an, bietet mit rund 1,2 Zoll Diagonale aber auch den maximal zur Verfügung stehenden Platz. Edel wirkt es vor allem durch den Schwarz-Weiß-Look, der den grünlichen Displays anderer Kameras zum Abschied winkt.

Die ganze Kamera wirkt minimalistisch und edel, wie man es von Leica gewohnt ist. Der Hersteller unterstreicht es aber auch, wo er nur kann. Beispielsweise findet man auf der Kamera praktisch keinen beschrifteten Button. Rund um das knapp drei Zoll große Touch-Display sind vier schmale Tasten platziert. Mit ihnen steuert man sich durch die Menüs, denn sie repräsentieren jeweils eine in der Nähe liegende und auf dem Display zu sehende Funktion. Allerdings sind sie nicht nur während der Aufnahme anders belegt, sie lassen sich auch manuell anders belegen. Aus diesem Grund, muss man wissen, was wo ist und kann es nicht einfach ablesen. Ebenfalls trickreich: Die Buttons reagieren auf die Länge des Drückens. Dadurch können sie noch mit weiteren Funktionen belegt werden.

Eigenschaften

hands-on_leica-sl_topWie bricht man der DSLR-Klasse das Rückgrat? Aktuell und nach Erscheinen der SL haben sowohl Nikon als auch Canon ihre neuesten Flaggschiffe raus auf den Markt geschoben: die D5 und die 1-D X Mark II. An diese Königsklasse mag die Leica noch nicht heran reichen, aber sie nutzt die Stärken, die sie als CSC hat.

Zu den harten Fakten gehört auch etwas, das sie für mich am reizvollsten macht: nach den Sony-A-Modellen ist die Leica die zweite Spiegellose, die einen Vollformatsensor ins Feld führt. Bei der Wetzlarer Kamera ist er mit 24 Megapixel bestückt und kommt ohne Tiefpassfilter aus. Der ISO-Bereich ist mit 50 bis 50.000 für aktuelle Verhältnisse moderat und sieht (viele der Fotos hier im Artikel sind mit ISO 4.000+ aufgenommen) relativ rauscharm aus.

Zu den Waffen der SL gehört unter anderem die Fähigkeit, 4K-Video aufzeichnen zu können. Einer so traditionellen Foto-Marke hätte man das kaum zugetraut, einige Mitbewerber sind da wesentlich zaghafter. Eine Sprinterin ist sie mit 1/8.000 Sekunde Verschlusszeit und bis zu 11 Bildern pro Sekunde außerdem. Auch hier liegt sie auf dem Niveau von Profi-DSLRs und guten CSCs.

Das Alleinstellungsmerkmal ist jedoch ihr Sucher. Dessen Vergrößerungsfaktor beträgt 0,8 und liegt damit nochmal einen Hauch über dem bisherigen Rekordhalter – der Sony A7R II mit 0,76. Aber er ist nicht nur so groß, dass man fast mit den Augen rollen muss, sondern auch elektronischer Natur und bildet die derzeitige Spitze der Entwicklung. Auf den 0,66 Zoll hat Leica nämlich eine Auflösung von 4,4 Millionen Bildpunkten untergebracht. Das ist fast das doppelte vom derzeitigen Standard. Entsprechend ist auch sein Eindruck: Bei Tageslicht betrachtet, ist ein Unterschied zu einem optischen Sucher praktisch nicht mehr auszumachen.

Performance

Da kann man nicht viel sagen: die Leica SL macht ihren Job gut. Sie ist eine hochentwickelte Kamera, die alle Spielereien aktueller Geräte drauf hat und zudem noch mit der 4K-Aufnahme punkten kann. Den Autofokus habe ich als sehr schnell aber nicht ganz so außerordentlich flott erlebt, wie er beworben wird. Muss er auch nicht sein, denn praktisch alle fotografischen Situationen wird er problemlos mitmachen. Immerhin ist er genau und greift fast nie daneben – keine Selbstverständlichkeit, wenn man sieht, um welche Uhrzeit und bei welchem Wetter (den Regen sieht man nicht ganz so gut) meine Fotos in diesem Artikel hier entstanden sind.

Ziemlich konsequent ist die Kamera auch im Dauerlauf: eine schnelle SD-Speicherkarte (Die SL steht auf UHS-II-Karten) in einem der beiden Slots (oder natürlich in beiden) vorausgesetzt, zieht die Leica kompromisslos durch und brät haufenweise Bilder in die Leiterbahnen. Geschwindigkeiten für die Serienaufnahme kennt sie übrigens drei: 4, 7 oder 11 Bilder pro Sekunde.

hands-on_leica-sl_left

Die Bildqualität ist wie ich es auch von früheren Geräten gewohnt bin, tadellos. Leica hat einfach heraus, wie man das Optimum aus einem Sensor holt und die SL produziert teilweise Bilder, die einen HDR-Look zu haben scheinen. Dafür haben sich die Ingenieure eine spezielle Pixel-Architektur einfallen lassen, die mehr Licht auf jede einzelne Diode fallen lässt und damit den Dynamikumfang insgesamt erhöht.

Leider rauscht die Aufnahmeeinheit im Vergleich zu manchen Konkurrenzmodellen ab etwa 6.400 doch recht deutlich. Im traditionellen Einsatzbereich von Leica-Kameras – der Dokumentarfotografie – ist das kein Problem. Bei Modeaufnahmen schon eher, aber da werden die meisten Fotografen ohnehin unter diesem Wert arbeiten.

Fazit

hands-on_leica-sl_backIch war bereits von der Leica Q begeistert, bin es aber noch mehr von der SL, da sie mir einen Vollformatsensor spendiert – ich stehe auf diese Sensorgröße. Der Sucher ist eine wahre Augenweide und auch sonst scheint die Kamera alles mitzumachen, was einem so einfällt.

Wichtiger aber als ihre reinen Eigenschaften ist das Statement, das sie setzt. Die Leica SL ist eine digitale Kamera aus deutschen Landen, die praktisch komplett auf der Höhe der Zeit ist. Design und Bedienung sind durchdacht und sinnvoll, die Verarbeitung erstklassig. In einigen Belangen sind sogar wieder Innovationen an Bord und damit findet Leica wieder einmal nicht nur zu alten Tugenden zurück, sondern auch Beachtung.

Hat sie sich verdient.

Mein Kamerafavorit ist leider immer noch die Sony A7R II. Die ist State-of-the-Art und etwas kompakter. Und fast noch wichtiger: Sie ist günstiger.
Und das, obwohl sie eine UVP von fast dreieinhalbtausend Euro hat.

Denn das dürfte auch niemanden überraschen: Für die Leica SL gibt es (und das habe ich auch hier im Hands on benutzt) nur ein eigenes Objektiv derzeit: das Vario-Elmarit-SL 1:2,8-4/24-90 mm ASPH. für rund 4.300 Euro. Zusammen mit der knapp 6.900 Euro teuren SL kommt man also auf leckere 11.200 Euro für das deutsche System auf dem Markt. Auch das ist eine Ansage… :)

2016-online_0040_hands-on_leica-sl_006


Mehr!

  • Die Bilder oben kann man sich hier in Originalauflösung anschauen.
  • Weitere voll aufgelöste Bilder zu meinen Hands On-Berichten sind hier zu finden.
  • Mehr Hands on-Berichte selbst zu verschiedensten Kameras und Objektiven gibt es hier.
  • Bilder kaufen im Shop
Advertisements

Ein Gedanke zu “Hands on: Leica SL (Typ 601)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s