Hands on: Zeiss Milvus 1.4/50 & Milvus 1.4/85

Mit einem Tag Verspätung treffen sie nun ein: Noch mehr Milane heute im Tiefflug!

„Milvus“ ist die Gattungsbezeichnung für Milane, Greifvögel innerhalb der Familie der Habichtartigen. Sie leben gesellig, sind Suchflugjäger und ausgezeichnete Segelflieger. Wenn sie Hunger haben, stürzen sie sich auf lebende Beute und Aas.

Milvus ist also eine recht passende Bezeichnung für die insgesamt sechs neuen Zeiss-Objektive und gerade die heutigen – Standard- und Porträtbrennweite – passen ziemlich gut zum dem Bild des Beute jagenden Raubtiers. Die „Opfer“ mögen manchmal Aas sein, vor allem aber hoffentlich Lebewesen.

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Die Familie

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Insgesamt treten sechs Modelle zum Start der Objektivfamilie an:

  • Milvus 2.8/21 – Das Weitwinkelmodell
  • Milvus 2/35 – Die Reportagebrennweite
  • Milvus 1.4/50 – Die Standardbrennweite
  • Milvus 1.4/85 – Der Porträtspezialist
  • Milvus 2/50M – Irgendwo zwischen Allround und Makro
  • Milvus 2/100M – Porträtbrennweite und Makrospezialist

Eindruck

hands-on_zeiss-milvus-50mmf14Ich kenne sehr viele Fotografen, deren Vorstellung von einem 50-Millimeter-Objektiv den typischen Vollformatmodellen von Canon oder Nikon entsprechen: Weitgehend aus Kunststoff, höchstens 200 Gramm schwer und nicht länger als vielleicht sechs Zentimeter. Noch mehr Bekannte kennen das gar nicht, sondern eher die 18-55-Millimeter-Standardzooms der APS-C-Kameras.

Von beidem sind sowohl das 50-Millimeter-Milvus als auch das 85er weit entfernt. Diese Teile wurden – Zeiss-typisch – so weit kompromisslos gebaut, wie es für den „normalen Anwender“ und dessen Geldbeutel noch erträglich ist. Das heißt konkret: Die Milvus-Objektive wurden gegenüber den inoffiziellen Vorgängern, den Classic-Modellen, gründlich überholt und konsequent auf Kameras mit hochauflösenden Sensoren jenseits der 36 Megapixel ausgelegt.

Mehr zu den Hintergründen habe ich im ersten Artikel zum 21er und 35er geschrieben. Wie sich das konkret auf die Standard- und Porträtbrennweite auswirkt, erfahrt ihr jetzt.

Eigenschaften

hands-on_zeiss-milvus-85mmf14Ich habe es bereits angedeutet: Sowohl konzeptionell als auch vom Äußeren her hat das 50er Milvus nicht viel mit den „üblichen“ Standardbrennweiten gemein. Soll heißen: Es ist groß und massiv. Genauer gesagt rund zehn Zentimeter lang und knapp 900 Gramm schwer. Das Milvus 85 toppt das sogar noch und platziert sich nicht nur mit seinem Erscheinungsbild ins fette Herz der Objektivfamilie. Es bringt etwa 1,2 Kilogramm auf die Waage und kommt auf knapp zwölf Zentimeter Länge.

Gehäuse, Design, Verarbeitung – das alles gestaltet sich analog zum Rest der Modelle: Sie kommen mit einem minimalistischen und relativ edlen Äußeren. Überall glatte Flächen bis auf den gummierten Fokusring, der butterweich läuft und dank einer Art Moosgummi ganz guten Grip bietet.

Übrigens hatte ich während der Benutzung immer die Streulichtblenden angesetzt. Die rasten relativ leicht ein, sitzen aber so fest, dass man glaubt, es mit einem Werkzeug fest verschraubt zu haben. Außerdem sehen die Objektive ohne fast schon unfertig aus. Das ist nicht zuletzt dem Design geschuldet, denn die Blenden sitzen vergleichsweise nahtlos auf und führen die Form der Objektive fast schon geschmeidig weiter.

Außerdem auch bei diesen Modellen dabei: Zeiss’ De-Click-Technik (nur bei Nikon-Anschluss): Mit einem Knopfdruck setzt man die Rasterung der Blende außer Kraft, was ein stufen- und geräuschloses Verstellen der Blende erlaubt und damit noch attraktiver für Filmer ist.

Objektiv betrachtet, ist das 50er Milvus schon ein ziemlich anständiges Teil, das schwer aber gut in der Hand liegt. Die Nikon-Variante ist sogar noch etwas wuchtiger als die Canon-Version. Den Vogel schießt aber das 85er Milvus ab. Dessen Frontlinse misst fast neun Zentimeter im Durchmesser und schluckt mehr Licht, als man ihr manchmal geben kann. Schaut man hinein, kann man geradewegs durch alle elf Linsenelemente hindurch sehen wie durch Fensterglas. Das ist schon recht beeindruckend.

Hinweis: Alle Bilder oben sind mit dem Milvus 1.4/50 entstanden. Alle Bilder unten mit dem Milvus 1.4/85.

Performance

Beide Milvus sind hochgeöffnete Optiken und warten mit einer Offenblende von f1,4 auf. Was bei den Standardobjektiven allgemein eine Eigenschaft ist, die selbige in die Premium-Kategorie erheben, macht auch beim Zeiss-Modell riesigen Spaß. Bereits mit den 50 Millimetern kann man Freistelleffekte provozieren, die andere Objektive erst im 90-Millimeterbereich oder länger erreichen.

Das 85er-Porträt-Milvus kann auch hier noch eine Schippe drauf legen. Beim Benutzen fiel mir auf, dass der seidig weiche Hintergrund, den das Objektiv bei Offenblende ins Bild zaubert, praktisch einfach nicht verschwinden will. Die Optik ist in der Lage, noch mindestens bis Blende f11, eigentlich auch bis Blende f16 ein Bokeh zu servieren, das Konkurrenten bereits ab f2,8 verlieren. Tatsächlich ist das Milvus 1.4/85 nach dem Otus der gleichen Brennweite das erste Objektiv, das ich ausprobiert habe, das ich als wahres Bokeh-Monster bezeichnen würde.

Nicht nur, weil es einen schönen Freistelleffekt bietet, sondern, weil es in der Lage ist, den auch noch weit abgeblendet aufrecht zu erhalten. Ich kenne mich schon recht gut aus, was die Technik dahinter und das optische Design angeht. Aber ich habe nicht die geringste Ahnung, wie Zeiss das gemacht hat.

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Wer sich mal ernsthafter mit der Auflösung seines Objektivs – oder irgendeines – beschäftigt hat, weiß, dass die Optik leicht abgeblendet am schärfsten ist. Das liegt vor allem an Beugungseffekten, die bei Offenblende oder weit geschlossener auftauchen. Je lichtstärker eine Optik ist, desto weicher wird erfahrungsgemäß auch das Bild. Jeder, der mal mit f1,2 oder darunter fotografiert hat, weiß, was ich meine.

Kann man bei den Milvus vergessen.

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Gut, zugegeben, sie erreichen bei f1,4 nicht das Maximum an Schärfe. Aber sie übertrumpfen bereits da praktisch jede Konkurrenz. Leicht abgeblendet – sagen wir auf f4 – werden sie so scharf wie eine Klaviersaite, die durch warmen Butterkäse schneidet. Das Besondere aber ist – über den gesamten Blendenbereich halten die Milvus ihre äußerst hohe Schärfe. Nicht komplett auf dem gleichen Niveau, das ist in der Praxis ohnehin unmöglich. Aber die Differenzen zwischen f1,4, f5,6 und f16 sind lächerlich gering.

Vignettierung, chromatische Aberrationen oder Bildfeldwölbung erspare ich mir mal – darüber gibt es nichts zu berichten, weil sie praktisch nicht existieren. Höchstens eine Sache: Natürlich erwartet man bei einem Porträtobjektiv wie dem Milvus 85, dass es das Bild nicht verzerrt. Tatsächlich liegt die Verzerrung bei 0,009 Prozent – was sogar mit der Analysesoftware kaum noch zu erfassen ist.

Fazit

Meiner persönlichen Meinung nach hat Zeiss bei den Milvus ganze Arbeit geleistet. Außer vielleicht bei den Festbrennweiten der Sigma-Global-Vision-Serie oder den neuen SP-Tamrons gab es diese Bildqualität in dieser Form noch nicht von Drittanbietern zu diesem Preis.

Das Milvus 1.4/50 ist für mich innerhalb der Familie tragischerweise eher überflüssig – da finde ich das 35er-Schwestermodell schon spannender. In Bezug auf das Milvus 1.4/85 gibt es für mich aber keine Diskussion – trotz manueller Optik würde ich es jedem anderen Konkurrenten vorziehen (wenn ich mal eben knapp 1.700 Euro übrig hätte, versteht sich).


Mehr!

  • Die Bilder oben kann man sich hier in Originalauflösung anschauen: Milvus 1.4/85 und Milvus 1.4/50.
  • Weitere voll aufgelöste Bilder zu meinen Hands On-Berichten sind hier zu finden.
  • Mehr Hands on-Berichte selbst zu verschiedensten Kameras und Objektiven gibt es hier.
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3 Gedanken zu “Hands on: Zeiss Milvus 1.4/50 & Milvus 1.4/85

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