Hands on: Zeiss Milvus 2.8/21 & Milvus 2/35

Premium-Festbrennweiten von Zeiss – jetzt für Jedermann?

Bei den Milvus-Objektiven – sechs an der Zahl – hat es Zeiss geschafft, die Entwicklung, Fertigung, das Testen und die Vorbereitung der kompletten Marketing-Kampagne bis zum Release geheim zu halten. Im September schließlich wurde der Öffentlichkeit die Vorstellung einer kompletten Objektiv-Familie für SLR-Kameras bekannt gegeben.

Ich war zu der Zeit auf dem offiziellen Presseevent dabei und durfte bereits vor Ort – in Oberkochen – Hand anlegen. Inzwischen sind die Milvus längst kein Geheimnis mehr und auf dem Markt verfügbar.

Dennoch möchte ich einige Eindrücke dazu schildern und natürlich auch ein paar Fotos zeigen, die mit den Teilen gemacht wurden.

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Die Familie

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Insgesamt treten sechs Modelle zum Start der Objektivfamilie an:

  • Milvus 2.8/21 – Das Weitwinkelmodell
  • Milvus 2/35 – Die Reportagebrennweite
  • Milvus 1.4/50 – Die Standardbrennweite
  • Milvus 1.4/85 – Der Porträtspezialist
  • Milvus 2/50M – Irgendwo zwischen Allround und Makro
  • Milvus 2/100M – Porträtbrennweite und Makrospezialist

Eindruck

hands-on_artikelbild_zeiss-milvus-2-35Die Milvus-Objektive „ersetzen“ eine kleine Reihe von älteren Zeiss-SLR-Optiken der Classic-Serie. Mindestens deren Nutzer wissen, dass die Linsenkonstruktionen nicht so schnell „alt“ werden und über Jahrzehnte hinweg gute Leistungen bringen.

Doch inzwischen erklimmen die SLR-Kamerasensoren immer höhere Sprossen auf der Megapixelleiter. Nicht zuletzt von den Sony-A7-Kameras befeuert (A7R II mit 42 Megapixel) hat der Auflösungskrieg wieder an Fahrt gewonnen. Nikon stieß aggressiv mit 36 MP vor, Canon kam irgendwann mit 50 MP nach und hat darüber hinaus schon experimentelle Scherze mit 120 MP-Sensoren getrieben. Das sind Regionen, für die ältere Optiken einfach nicht mehr ausgelegt sind.

Also wurde es Zeit für die Milvus, wenn ich einen der Mitarbeiter des Unternehmens zitieren darf.
Aber was erwartet den Fotografen?

SLR-Fotografen ist Zeiss natürlich ein Begriff. Nicht ganz so unerreichbar edel wie Leica, nicht ganz so abgehoben mittelformatig wie Hasselblad aber mindestens dennoch exklusiv und enorm hochwertig. Brachiale Optik-Hammer wie die Modelle der Otus-Reihe lehren den Leuten mit Preisen um die 4.000 Euro jedoch das Fürchten.

Milvus geht einen anderen Weg. Diese Objektive sollen erschwinglich sein für die Leute, die bereits eine hochauflösende SLR haben und etwa ein Drittel der Kamera kosten – also zwischen 1.000 und 1.700 Euro. Das ist immer noch eine Stange Geld, aber (und das ist jetzt schamlos subjektiv) sie bekommen dafür mit die besten Festbrennweiten, die man in dem Preissegment haben kann.

Eigenschaften

hands-on_zeiss-milvus-2-8-21Erschwinglich sein heißt zwar, Kompromisse einzugehen. Bei Zeiss heißt das jedoch offensichtlich: so wenig Kompromisse, wie es nur irgendwie geht.

Konkret ausgedrückt: Die Milvus-Optiken kosten nicht nur um die 1.000 Euro, sie fühlen sich auch so an. Das 21-Millimeter-Modell ist rund 800 Gramm schwer, das 35-Millimeter bringt es immerhin auf knapp 700 Gramm und ist damit eines der kleineren und leichteren Modelle der Linie.

Allen gemein ist unheimlich minimalistisches und relativ edles Äußeres. Das 2/35 gilt bei Zeiss als „vielseitiger Reporter“ und ist entsprechend kompakt und unscheinbar. Tatsächlich ist es nur knapp zehn Zentimeter lang und recht schmal.

Bereits das Weitwinkelmodell ist da schon deutlich auffälliger. Es hat eine weit nach außen gezogene Frontlinse – sehr schlank am Bajonett schwingt es sich dann weit nach außen. Und offengestanden: zusammen mit der Streulichtblende ist es schlichtweg das schönste Milvus der ganzen Familie.

Die Verarbeitung aller Objektive ist exzellent und sehr hochwertig. Überall Glas und Metall. Bis hin zu den Streulichtblenden, die mit einem kleinen „zzzzzinnggg“ erfreuen, wenn sie über eine Oberfläche rutschen.

Mit an Bord haben sie Zeiss‘ De-Click-Technik (nur bei Nikon-Anschluss): Mit einem Knopfdruck setzt man die Rasterung der Blende außer Kraft, was ein Stufen- und Geräuschloses Verstellen der Blende erlaubt und damit noch attraktiver für Filmer ist.

 

Hinweis: Alle Bilder oben sind mit dem Milvus 2.8/21 entstanden. Alle Bilder unten mit dem Milvus 2/35.

Performance

Apropos Filmer: Immer wieder begegnet mir das Vorurteil, warum Zeiss die Fokusringe mit einer flachen Gummierung ausstattet, statt mit einer Riffelung. Gerade für Filmer könnte das eine Hürde sein, da sie daran nicht so leicht eine Follow-Fokus-Einrichtung befestigen können.

Ein Zeiss-Mitarbeiter verriet mir jedoch, dass Filmer gerade darüber happy sind. Denn Low-Budget-Lösungen für Follow-Fokus-Systeme werden um den Fokusring geschnallt. Und diese halten auf der flachen Gummierung um ein vielfaches besser als auf einer Riffelung.

Für einen Fotografen macht das kaum einen Unterschied – er stellt jedoch fest, dass die Verstellung der Ringe wie gewohnt extrem butterweich abläuft und der Stellweg sehr groß ist, also sehr genaue Feineinstellung ermöglicht.

Thema Bildqualität: Chromatische Aberrationen sind den Objektiven ein Fremdwort. Man muss sich schon tierisch anstrengen, um farbige Kontrastkanten zu provozieren.

Die Schärfe lässt sich subjektiv nur mit „extrem scharf“ beurteilen. Ich kenne aber auch die Messwerte der Optiken und kann diese zwar nicht detailliert wiedergeben, wohl aber mit „extrem scharf“ zusammen fassen.

Die Bildqualität liegt zweifellos auf Top-Level, allerdings handelt es sich nicht um hochgezüchtete Spezialisten. Interessanterweise erreichen die Milvus einen hohen Stand (zum Beispiel bei der Auflösung) über einen weiten Blendenbereich hinweg. Sprich: das 21-Millimeter-Modell ist offenblendig sehr scharf, abgeblendet extrem scharf und bei maximaler Blende von f22 immer noch erschreckend scharf, wenn auch leicht schlechter.

Fazit

Mindestens hier im Fazit will ich es dennoch erwähnen: Alle Milvus sind manuelle Objektive. Nix Autofokus, nix Bildstabilisator. Wer auf diesen Komfort verzichten kann, bekommt jedoch die vermutlich besten Festbrennweiten für hochauflösende SLRs.

Ich mag auch die Annehmlichkeiten, die etwa die neuen SP-Tamrons bieten, aber ich musste auch feststellen, dass ich ungewöhnlich wenig Ausschuss an unscharfen Bildern dabei hatte. Lediglich, wer mit 1.4er Blende Porträts shooten will, braucht ein gutes Händchen.

Das Weitwinkelmodell ist von der Brennweite her nicht so mein Fall, aber ein wunderschönes Objektiv. Die Reportagebrennweite hingegen macht dann schon richtig Spaß, denn sie bedient sich großartig und hat einen tollen Bildwinkel, der sehr flexibel einsetzbar ist.


Mehr!

  • Die Bilder oben kann man sich hier (Milvus 21) und hier (Milvus 35) in Originalauflösung anschauen.
  • Weitere voll aufgelöste Bilder zu meinen Hands On-Berichten sind hier zu finden.
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5 Gedanken zu “Hands on: Zeiss Milvus 2.8/21 & Milvus 2/35

  1. Also: Erstmal „starke Bildleistungen und auch schöne Fotos“, finde ich. Gefällt ,mir sehr.

    Dann aber Dein Text „Konkret ausgedrückt: Die Milvus-Optiken kosten nicht nur um die 1.000 Euro, sie fühlen sich auch so an. Das 21-Millimeter-Modell ist rund 800 …“ – soweit ich recherchieren konnte, ist das 21er eines der 1700.- € Geräte, damit aber noch nicht Spitzenreiter, das wäre dann das 85/1.4 zu 1800.-. Wenn das dann mit der Aussage „…und etwa ein Drittel der Kamera kosten …“ zusammenkommt, dann wären die Kamerakosten 3000.- … 5400.- €

    EOS 5 D R, Sony 7RII liegen aber bei irgendwas um 3600.-€. Bei so absoluten Relationen bin ich eher pingelig.

    Auch wenn Du notierst „Das ist immer noch eine Stange Geld, aber (und das ist jetzt schamlos subjektiv) sie bekommen dafür mit die besten Festbrennweiten, die man in dem Preissegment haben kann.“ dann hätte ich gern ergänzt „die besten NICHT-AF Festbrennweiten“, denn hier liegt eine Einschränkung drin – die sich je nachdem nicht unbedingt nachteilig auswirken muss, aber primär erstmal für konventionelle DSLR mit den heute eher armseligen „Einstellhilfen“ LiveView erzwingt, wenn’s scharf sein soll. Dann kann man ja gleich zur mirrorless greifen – langsamer autofokussiert die mal sicher nicht.

    Interessant hätte ich auch gefunden zu lesen, welches Milvus denn nun wirklich auch neu gerechnet ist oder bei welchem Linsensystem dann nur eine kurvige Röhre drum herum gedengelt wurde? Chlar, Charakter haben die Zeiss schon, und sie sind elend resistent gegen Gegenlicht – aber auch andere kriegen gute Scherben hingeschmirgelt, nicht alle Zeiss, die nun kurvig daherkommen, waren vorher ganz vorne zu finden.

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