Hands on: Sony RX10 II

High-Tech im Backsteinformat: Die neue Sony RX10 II.

Vor wenigen Wochen schmetterte Sony eine Runde frische Kameras auf den Markt. Ich war zur weltweiten Premiere in London und hatte auch darüber berichtet. Das Unternehmen pfeift auf Zurückhaltung und donnerte die Sony A7R II, die RX100 IV und die RX10 II in die Ladenregale. Nagut, die Edelkompakte RX100 gibt es, glaube ich, noch nicht zu kaufen. Wohl aber die anderen beiden und die wirbelten bereits den Markt durcheinander.

Der Grund ist einfach und es kleben jeweils eine Menge Pixel drauf: Der Sensor. Das Herzstück der Kameras wurde nach einer neuen Architektur aufgebaut, die ich bereits im Hands on zur neuesten Alpha-Kamera beschrieb. Kurz gesagt: durch eine neue Anordnung der Schichten, direkter Verbindung zum zusätzlichen RAM und durch Kupferleiter ist es möglich, mehr Licht bei weniger Verlusten zu erhalten und die Signalverarbeitung drastisch zu beschleunigen.

Das bedeutet unter anderem, dass die neuen Kameras 4k intern verarbeiten können, wo bisher ein externer Rekorder nötig war. Außerdem bedeutet es brillantere Bilder und das schnellere Auslesen des kompletten Sensors ohne interpretative Berechnungen. Letzteres führt auch zu beeindruckenden Sprintfähigkeiten, die bei der RX10 II auf die Spitze getrieben wurden.

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Eindruck

hands-on_sony-rx10-2_slantDie neue Sony ist eine Bridge-Kamera. Eine Kameraklasse, die man eigentlich (nach dem Absterben der Kompakten) auf dem Friedhof vermuten sollte, die sich aber wacker hält. Denn hier findet derzeit eine Neuorientierung statt. Wer sich die Produktseite der RX10 II ansieht, entdeckt als erstes ein Imagebild mit einem Typen, der die Kamera zum Filmen nutzt. Ähnlich ist es auch bei der neuen Panasonic FZ300 – auch hier wirbt der Hersteller mit außergewöhnlichen Videofähigkeiten für eine Bridge. In diesem Fall ist es tatsächlich so, dass es praktisch keine andere Kamera gibt, die so preisgünstig (599 Euro) in 4k filmen kann. Aber zurück zur RX.

Die ist ein ganz schön wuchtiger Brocken. Das rührt zum einen vom relativ klumpigen Design her, das den Body ohne große abstehende Teile abrundet. Zum anderen vom überaus dominanten Objektiv, das sehr lichtstark ist und mit entsprechend voluminösen Abmessungen hervor steht. Und letztlich mit den Abmessungen der Kamera selbst, die rund 13 cm breit, 9 cm hoch und 10 cm tief ist. Dabei bringt sie proppere 800 Gramm auf die Waage. Mit anderen Worten: Diese Bridge-Kamera ist nicht mehr ganz das, was früher einmal als Reisekamera empfohlen wurde.

Davon mal abgesehen fühlt sie sich richtig gut an. Oben ist ein separates Display, was ich toll finde. Das LCD an der Rückseite kann geklappt werden und steht etwas weiter ab als bei der Vorgängerin, damit das ebenfalls abstehende Okular beim Betrachten nicht im Weg ist. Das Tasten-Layout orientiert sich stark an SLR-Kameras und ist entsprechenden Nutzern sofort vertraut. Es gibt außerdem zwei Stellräder wie bei SLRs, ein fettes Moduswahlrad oben links und ein weiteres zum gezielten Über- und Unterbelichten.

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Den vielen Platz hat man außerdem genutzt, um einen Klappblitz und einen Blitzschuh anzubringen. Beides sinnvolle Geschichten: einen Blitz kann man immer mal gebrauchen, aber wenn ich die Kamera zum Filmen nutzen soll, muss ich irgendwo auch ein Mikro oder zusätzliches Licht anbringen. Müßig zu erwähnen, dass es auch eine Mikrofon- und HDMI-Schnittstelle gibt. Auch sehr nett ist die Platzierung des Movie-Knopfs. Der befindet sich in der Nähe des hinteren Stellrads und ist leichter und mit weniger Wacklern zu erreichen, als in der Nähe des Foto-Auslösers. Nettes Detail: letzter verfügt über eine Bohrung zum Anbringen eines Kabelauslösers.

Versiegelung ist auch bei der neuen Sony ein Schlagwort, denn feuchtes oder sandiges Wetter sollen ihr nichts ausmachen. Gut ist in der Beziehung auch, einen Filter auf das Objektiv schrauben zu können – die große Glasfläche zieht unweigerlich Schmutz und Kratzer an.

Eigenschaften

hands-on_sony-rx10-2_backDie technischen Daten und Feature-Listen sind endlos und könnt ihr hier durchschmökern. Vor allem was die technischen Spielereien und Software-Gimmicks angeht, würde ich mir hier jetzt die Finger wund tippen und euch die Augen austrocknen lassen. Zusammengefasst bietet die Kamera jedem verspielten Foto- und Video-Fan eine Spielwiese an Möglichkeiten. Auffällig ist dabei aber auch immer der sehr deutliche Hang in Richtung Professionalität. Was früher einmal eine Urlaubskamera für die Familie gewesen sein mag, hat diesen Anstrich eindeutig abgelegt.

Kommen wir also nochmal zum Herzstück des kleinen Klotzes: Auf dem relativ großen 1-Zoll-Sensor hat Sony rund 20 Millionen Pixel untergebracht und direkt einen DRAM-Chip geschweist. Davon unabhängig ist die Prozessoreinheit, die das Ganze nochmal separat befeuert. Als Optik hat man der Kamera ein Zoomobjektiv beschert, das einen Brennweitenbereich von 25 bis 213 Millimetern abdeckt. Also angenehmes Weitwinkel bis recht starkem Tele. Was vorne cool ist, wird hinten beeindruckend. Anders gesagt: 25 Millimeter mit maximaler Blende von f2,8 sind cool. Bei 213 Millimetern ist Blende f2,8 jedoch noch wesentlich cooler und genau das bekommt man bei der neuen RX. Sie hat nämlich eine durchgängig hohe Lichtstärke von 1:2,8.

Wenn wir schon bei betrachterischen Merkmalen sind: Der klappbare LCD hat moderate 1,2 Mio. Bildpunkte. Wesentlich mehr Augenmerk legte der Hersteller auf den EVF, bei dem Sony an der Spitze im Markt rangiert. Dementsprechend darf man sein Auge mit einem elektronischen OLED-Sucher grillen, der eine Auflösung von 2,4 Mio. Bildpunkten hat. Das sieht brillant aus und fühlt sich gut an. Ist praktisch nicht mehr von einem optischen Sucher zu unterscheiden und bietet bekanntermaßen tonnenweise Vorteile. Nicht zuletzt die automatische Sucherlupe bei manuellem Fokus sowie eine in allen überflüssigen Details anpassbare Fokus-Peaking- und Zebramuster-Funktion.

Kabelentbunden ist die Kamera natürlich auch und bringt einen NFC-Chip mit, der eine bequeme Verbindung über das integrierte WLAN bereitstellt.

Performance

Okay, jetzt endlich zu den wirklich spannenden Sachen. Die Sony RX10 II ist – falls es immer noch jemand nicht kapiert hat – keine Urlaubsknipse. Gut, man kann sie trotzdem in den Urlaub mitnehmen, aber dann schießt man eben mit Spatzen auf Kanonen. Oder so ähnlich…

Die Sony bringt brachiale Aufnahmekapazitäten mit sich. Die Liste der möglichen Videoformate ist ungefähr achtmal so lang wie die der Fotoformate und beinhaltet zahlreiche Full-HD-Varianten mit bis zu 120 Bildern pro Sekunde bis hin zu 4k-Video. Ja, ich habe 120 Bilder pro Sekunde geschrieben. Nein, ist kein Fehler. Ab etwa 30 Bildern pro Sekunde empfindet das menschliche Auge eine Abfolge von Bildern als flüssige Bewegung. 60 Bilder pro Sekunde hat sich als neuer Standard für „noch flüssigere“ Bewegungen etabliert. 120 Bilder pro Sekunde ist … naja extrem flüssig und erlaubt schon schicke und sehr saubere Zeitlupenaufnahmen, wenn man es auf normale Geschwindigkeit zurück rechnet.

So, damit liegt die Messlatte schonmal relativ hoch im Vergleich zur Konkurrenz. Aber das war nur der Anfang. 4k-Video zeichnet die Kamera mit bis zu 30 Bildern pro Sekunde auf, was derzeit auch noch kaum ein Konkurrent bietet. Schon gar nicht mit 60 MBit/s. Das ist aber immer noch nicht alles.

hands-on_sony-rx10-2_frontFür alle, die es noch nicht wissen, ist das sicher eine Überraschung: Die Sony RX10 II kann ihre elektronischen Innereien auf einen dermaßen heißen Grill legen, dass sie in der Lage ist, Videosequenzen mit bis zu 1.000 Bildern pro Sekunde (PAL) aufzuzeichnen. Das sind 40-fache Zeitlupenaufnahmen, die man mal eben jederzeit einfach mal so aus der Hüfte schießen kann. Das ist die eigentliche Bombe im Inneren der neuen Bridge-Kamera, die damit letztlich alles andere ist als eine gewöhnliche Bridge-Kamera.

Sony hat es tatsächlich gewagt, die Technik hochgezüchteter Supercamcorder für „Normalmenschen“ verfügbar zu machen und ein wirklich beeindruckendes Feature in die Kamera gebracht. Wer jetzt abwinkt und sich sagt, er brauche keine Superzeitlupenfilmchen mit einer Auflösung von 320 mal 640 Pixeln darf sich gern nochmal die Augen reiben, denn die Zeitlupensequenzen haben Full-HD-Auflösung.

Dass die Fotofunktion für die Kamera beinahe ein Witz ist, muss ich an dieser Stelle kaum noch erwähnen. Fotos macht die Kamera nebenbei während dem Filmen, aber man kann sie – wenn man denn wirklich will – auch nur für das Fotografieren einsetzen. Der Verschluss reicht bis 1/3.200 Sekunde, zusätzlich gibt es noch die Simulation eines elektronischen Verschlusses direkt auf dem Sensor, der Verschlusszeiten von bis zu 1/32.000 Sekunde erlaubt. Das ist übrigens schneller, als ihr zwinkern könnt…

Drückt man den Auslöser bis zum Chassis durch, dann ruppt die Kamera bis zu 14 Bilder pro Sekunde weg und tritt damit fast jede SLR in den Staub. Das ist so schnell, dass die Ingenieure die Elektronik anpassen mussten, damit die Bilder in der Geschwindigkeit auch auf dem LCD angezeigt werden können.“Fast“ aber auch deshalb, weil sie bei dieser Geschwindigkeit den Fokus nicht nachführen kann.

Was ein Wunder ist, denn der Fokus ist so schnell, wie der Bildstabilisator unverwackelbar ist. Sehr. Laut Sony braucht der Autofokus gemächliche 0,09 Sekunden um scharf zu stellen. Tracking-Autofokus, Gesichts- und Augenerkennung sind dabei nur die Kür. Das System ist ähnlich schnell wie das der Sony A7R II und die hat den schnellsten AF, den ich jemals in einer Kamera gesehen habe.

Fazit

Fassen wir zusammen: Die klobig aussehende Sony RX10 II ist eine Bridge-Kamera, die nur noch wenig mit den klumpigen Optikungetümen von früher gemein hat. Ihr Bedienkonzept ist flexibel, auf Professionalität ausgelegt und bietet mehr Spielereien als man mit einem Atemzug nacheinander herunter rattern kann.

Die Foto-Funktion ist für die Kamera keine Herausforderung mehr. Sie macht 20-Megapixel-Bilder im Vorbeigehen und packt einen elektronischen Verschluss drauf, der so kurze Belichtungszeiten erlaubt, dass es praktisch kein Motiv mehr gibt, das man nicht mit hohem Dynamikumfang oder unverwackelt erfassen kann.

Die neue Herausforderung sind die Videofähigkeiten und hier fährt sie schwere Geschütze auf. Full-HD-Video in Film- und Fernseh-konformen Normen, 4k-Video mit hohen Bildraten und eine beeindruckende Superzeitlupenfunktion mit 1.000 Bildern pro Sekunde in Full-HD. Ich denke, das kann man mal allein so stehen lassen.

Der Spaß ist mit rund 1.600 Euro für reine Fotografen nicht ganz billig, für Filmemacher jedoch ein Witz. Und es ist eine Menge Spaß.

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2 Gedanken zu “Hands on: Sony RX10 II

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