Hands on: Canon PowerShot G3 X

Canon bringt eine Systemkamera heraus, bei der das Objektiv nicht abnehmbar ist?

Hand aufs Herz: Canon ist ja seit einigen Jahren nicht gerade für seine Innovationsfreude bekannt. Ja, man hat mit der M-Serie eine spiegellose Systemkamera im Programm und mit den 5DS-Geräten jüngst Rekordmodelle platziert. Aber es ist auch kein Geheimnis, dass sowohl die M-Kameras als auch die 5DS-Geräte zu spät kamen und dem Fotografen nicht komplett die Technik in die Hand legen, die sie gern gehabt hätten.

Mit der G3 X schickt Canon nun ein neues „Experiment“ ins Rennen. Auch nicht ganz aus dem Nichts, denn die Vorgängerin im Geiste, die G1 X Mark II, verfolgte ein ähnliches Konzept: ambitionierte Kompaktkamera. Lest gerne mal vorab meinen Test zum Gerät – ist nicht viel, geht schnell. Beim neuen Modell ist der Hersteller ein ganzes Teil – im positiven Sinne – kompromissloser. Bringt das was?

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Eindruck

hands-on_canon-g3x_swivelBleiben wir direkt mal beim Vergleich zwischen G1 X Mark II und G3 X. Konzeptionell geht es um eine Kompaktkamera, die hohe Qualität liefern und irgendwo im Premium-Segment rumschwirren soll. Die Erstausgabe der Kamera hat Canon total versemmelt und wurde vor allem von Canon-Fotografen als Ersatz zu deren DSLR gekauft. Die Mark II hat vieles besser gemacht und ist umso mehr eine Kamera für Jedermann geworden. Allerdings ist sie recht schwer und leider hat man den optischen Sucher (der beim ersten Modell grauenhaft war) nicht ersetzt, dafür gab es einen Klappmonitor.

Die G3 X spinnt das Konzept jetzt weiter und ist dabei noch eine Spur weniger kompromissbereit. Statt das G1 X-Gehäuse weiterzuverwenden, hat man sich eher den Body der spiegellosen M-Kameras genommen und umgebaut. Größe und Erscheinungsbild sind dabei weitgehend gleich geblieben, aber es gibt schöne, griffige Stellringe und einen sehr schön herausragenden Griffwulst, mit dem sich die Kamera wirklich gut tragen lässt.

Ungewöhnlichstes Detail: Kompaktklassentypisch hat Canon jede Menge Zoom in die Optik gestopft. Um genau zu sein, 25-fachen. Das wirkt sich natürlich auch auf die Maße des Objektivs aus, das nun gar nichts mehr mit den G1ern zu tun hat. Zusammen mit dem relativ vertrauten Body fühlt sich die G3 dadurch tatsächlich sehr nach kompakter Systemkamera an – allerdings kann ich das Objektiv nicht abschrauben. Nagut, ich könnte mit einigem Kraftaufwand schon, aber dann bekomme ich es nie wieder dran…

Was ich damit sagen will: Die G3 X erweckt den Eindruck einer in der Haptik und Bedienung total runden Systemkamera. Ist aber eine Kompakte. Das führt auch dazu, dass ich sie wie eine Systemkamera benutzen und halten will, doch hier macht mir der fehlende optische Sucher einen Strich durch die Rechnung. Auch bei der aktuellen wurde er weggelassen und das hat mich beim Fotografieren schon gestört. Als Sucher dient der klappbare Monitor und normalerweise reicht das schon irgendwie. Aber als ich mit der Kamera unterwegs war, war es ein heißer und unheimlich heller Sommertag. Entweder habe ich in Extremfällen auf dem Display einfach nichts gesehen oder ich musste irgendwohin, wo der Schatten so fiel, dass ich zumindest ein wenig Bildkontrolle hatte.

Das nervt mich als DSLR-Fotograf und jemand, der es nicht gewohnt ist, bei der Bedienung Abstriche zu machen.

Eigenschaften

hands-on_canon-g3x_backDer Sensor der G3 X ist ebenfalls ein – Achtung Fachbegriff – hin-und-her-geschwuppe. Die G1 X hatte einen 1,5-Zoll-Sensor, was von Canon liebevoll „fast APS-C“ genannt wurde. Drauf untergebracht waren moderate 12,1 Megapixel. Den Sensor der G3 X hat man auf eine klassischere Größe von 1 Zoll geschrumpft, jedoch deutlich fettere 20,2 Megapixel darauf gequetscht. Kann man von halten, was man will. Die 20-MP-Grenze ist bei Amateur- und Premium-Kompaktgeräten inzwischen Standard und passt eigentlich auch gut zum Konzept der G3 X. Ein bisschen mehr Sensorfläche wäre trotzdem netter gewesen.

Immerhin wird der Sensor von einem Digic-6-Prozessor befeuert, der durchaus gute Arbeit leistet. Er bearbeitet die Bilder nach und macht gängige Fotos draus, an denen man nicht großartig rummäkeln kann, die aber auch keine Begeisterungsstürme auslösen. Im Serienbildmodus sorgt er für einen Durchsatz von fast 6 Bildern pro Sekunde ohne AF-Nachführung, mit Fokussieren sind es knapp drei Bilder pro Sekunde.

RAW-Aufnahme ist an Bord – das ist gut. Gefilmt wird in Full-HD mit bis zu 60 Bildern pro Sekunde, das ist auch in Ordnung. GPS kann die Kamera verarbeiten, wenn das Signal von einem gekoppelten Smartphone kommt, WLAN hat sie allerdings selbst dabei.

Ein gewichtiges Merkmal ist noch die Optik. Dabei handelt es sich um eine doch recht komplexe Geschichte aus 18 Linsen in 13 Gruppen. Davon immerhin sieben spezialbehandelt für bessere Performance. Kleinbild-äquivalent beginnt die Brennweite bei 24 Millimetern und reicht bis zu heftigen 600 Millimetern. Das ist schon eine gewisse Hausnummer, das muss man der Kamera zugestehen. Macht, wie gesagt, einen 25-fachen Zoom aus, aber um noch eine Keule drauf zu setzen, vergrößert der Zoomalgorithmus auf bis zu 50-fach, der Digitalzoom klatscht auch noch mal seinen Teil drauf und kombiniert kommen alle Spanner-Techniken auf 100-fachen Zoom.

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Vergleich der Zoomstufen von 24 bis 600 Millimeter

Da braucht man einen ziemlich guten Bildstabilisator…

Performance

Und das Stabi-System ist tatsächlich ziemlich gut. Wer mal mit so einer Kamera ohne elektronische Hilfe auf 600mm gezoomt hat, wird überrascht sein, wie unmöglich es ist, ein Bild aus der Hand zu schießen, obwohl man die Ruhe selbst ist. Mit dem Canon-Stabi geht das. Er hält das Bild perfekt und ermöglicht damit auch großzügiges Unterbelichten. Noch angenehmer ist das, wenn man mit starkem Zoomfaktor filmen kann – da gelingen schöne Close-Ups. Allerdings spürt man da auch stärker die Korrekturen der Kamera, da das Bild manchmal zieht, als klebe es an einem Kaugummi. Aber das ist bei den meisten Stabi-Systemen der Fall.

Die Lichtstärke der Optik ist durchaus okay. Sie beginnt bei 1:2,8 und endet bei 5,6. Gerade am längeren Ende ist das ein schöner Wert, bei kürzeren Brennweiten wie 24 oder 50 Millimetern wären 1:2,0 aber noch einen Tick geiler gewesen. Egal – in der Bedienung und Unterstützung des Fotografen ist die G3 X sehr hilfsbereit und spendiert sogar eine Focus-Peaking-Funktion beim manuellen Fokussieren. In die Verlegenheit wird aber kaum jemand kommen, denn die Kamera wird von ihren Käufern vermutlich zu 98 Prozent mit Automatiken verwendet und der Autofokus ist auch angenehm flott. Außerdem hat die Canon die Angewohnheit, permanent nachzufokussieren. Das macht sie recht angenehm und verkürzt die Fokussierzeit, wenn man dann tatsächlich auf ein Motiv angelegt hat.

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Was mich neben dem fehlenden Sucher noch angenervt hat, ist der Motorzoom. Der ist gerade beim Filmen eine schicke Sache, weil angenehm weich. Für gezieltes Zoomen meiner Meinung nach aber nicht zu gebrauchen. Irgendwo wuppt er immer wieder über den Bildausschnitt hinweg, den ich wollte und gerade, wenn es schnell gehen muss, muss ich mich dann mit der Zoomstellung begnügen, die sie dann gefunden hat. Das passt mir gar nicht. Canon hat daran gedacht, dass man verschiedene Funktionen auf den Stellring am Objektiv legen kann – da aber für besseres Handling den Zoom drauf zu legen, haben sie nicht geschafft.

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Stresstest dank Innenaufnahme und Gegenlicht: Das derbe Rauschen bei ISO 12.800 hat schon fast etwas kunstvolles, würde ich aber in kein Familienalbum kleben.

Etwas mager ist auch das Rauschverhalten. Der ISO-Bereich geht bis 12.800. Gut, es ist ein kleiner Sensor – das Maximum ist daher praktisch nicht zu gebrauchen. Aber schon ab ISO 3.200 finde ich das Bild nicht mehr so geil, dass ich die 20 Megapixel in ihrer natürlichen Größe ausbelichten würde. Stören tut mich das Rauschen schon vor diesem Wert, aber das ist Geschmacksache.

Fazit

hands-on_canon-g3x_frontEigentlich finde ich die neue Canon G3 X gar nicht soo schlecht. Sie fühlt sich gut an, hat ein Objektiv, das immer den richtigen Bildwinkel ermöglicht und … naja, das wars eigentlich schon. Herausragende Merkmale gibt es eigentlich keine. Der Bildstabilisator ist ziemlich gut, findet sich auf diesem Niveau oder besser aber auch bei Olympus, Panasonic und Sony.

In Verbindung mit dem Erscheinungsbild ist es etwas verwirrend, dass man das Objektiv nicht abnehmen kann, denn Gehäuse und Bedienkonzept erinnern an angenehmes Systemkamera-Design. Man wird daher auch entsprechende Kamerataschen brauchen, denn die Maße der eigentlichen Kameraklasse – kompakt – überschreitet sie definitiv.

Insgesamt ist die Kamera eine nette Urlaubsbegleitung und dafür schon empfehlenswert. Innovationsfreude oder einen technischen Sprung konnte ich allerdings nicht entdecken.

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Mehr!

  • Die Bilder oben kann man sich hier in Originalauflösung anschauen.
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2 Gedanken zu “Hands on: Canon PowerShot G3 X

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