Hands on: Sigma Art 24mm F1,4 DG HSM

Sigma treibt es weitwinklig.

Sigmas Portfolio ist ja inzwischen in drei Produktlinien unterteilt: Sports-Optiken kaufen sich Berufsfotografen und Leute, die einen gewissen Anspruch an die Verarbeitung stellen. Oder solche mit zuviel Geld. Art-Objektive kaufen sich Leute, die genügend Geld übrig haben und qualitativ bessere Linsenkonstruktionen haben wollen. Und Contemporary-Objektive (die flexiblen und günstigeren Zooms) kauft sich fast keiner. Behaupte ich jetzt mal.

Fakt ist nämlich, dass ich genügend Leute kenne, die genug Kohle übrig haben, sich aus der Sports- und Art-Linie zu bedienen. Und das ist gut sowohl für den Hersteller als auch den Fotografen. Denn das Unternehmen hat gezeigt, dass sehr gute Bildqualität zu akzeptablen Preisen von den Käufern immer noch oberhalb etwa von Gewicht und Maßen gewertet wird.

Selbst einige Leser hier im Blog sind Besitzer von Art-Objektiven wie etwa dem „Art 50mm F1,4 DG HSM“ und würden es gegen jeden denkbaren Angriff von außen verteidigen. Nicht zu unrecht, denn mit dem Teil hat Sigma ein echtes Premium-Modell im Portfolio. Für das neueste Modell der Art-Serie hat das Unternehmen die Brennweite halbiert, aber die Lichtstärke beibehalten. Mal sehen, was herausgekommen ist…

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Eindruck

Das neue Sigma ist schwarz, schwer und … schwurbelig? Zugegeben, das letzte Merkmal habe ich mir ausgedacht, weil sich „kompakt“ nicht reimt. Wobei Kompakt mal wieder relativ ist. Ich habe nicht allzu große Hände, aber wenn ich meine Hand um das neue Art lege, habe ich keine Angst, mal eben den in Glas gepressten Tausender fallen zu lassen. Das 24-Millimeter ist griffig und fühlt sich gut an. Kompakt bezieht sich daher eher auf den Durchmesser (ca. 8,5 Zentimeter) als auf die Gesamtmaße.

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Denn mit 9 Zentimetern Länge und erklecklichen 660 Gramm ist es nicht unbedingt das zierlichste Weitwinkel, das es gibt. Aber Besitzer neuerer Sigma-Optiken sind genau das gewohnt. Ebenso wie das Messing-Bajonett und die robuste Mechanik.

Der Fokusring etwa ist relativ schwergängig. Das heißt nicht, dass ich mir zum Scharfstellen den Arm brechen muss, sondern lediglich, dass ein gewisser Kraftaufwand nötig ist und der Ring nicht gerade magnetisch gelagert über dem Tubus schwebt. Eigentlich ist die etwas höhere Reibung auch praktisch zum millimetergenauen Einstellen. Andererseits ist es auch einen Hauch zuviel für geschmeidig unsichtbares Nachführen etwa beim Filmen.

So ähnlich ist es mit dem Umschalter zwischen Auto- zu manuellem Fokus. Solange er noch nicht tausendmal bedient wurde, sind ein beherztes Schieben und ein saftiger Klick nötig zum Verstellen.

Performance

hands-on_sigma-24mm-f14-art_002Noch während ich hier drüber schreibe, wird das 24-Millimeter-Sigma in aller Welt von den Fotografen heiß erwartet. Sie sind großes gewohnt und erwarten großes. Und es sieht ganz danach aus, als erfüllt Sigma ihnen diese Erwartung.

In das Gehäuse hat der Hersteller ganze 15 Linsen gepresst, die sich in 11 Gruppen aneinander kuscheln. Schaut man ohne angesetzte Kamera durch diese Anordnung, hat man bereits das Gefühl, lediglich ein oder zwei Elemente vor sich zu haben, die das Motiv auch noch „irgendwie aufzuhellen“ scheinen. Mit anderen Worten: die Glas- und Spezialglaselemente sorgen für ein kristallklares Bild, das sich anfühlt wie Eiswasser.

Dummerweise muss man es mit einem störenden Element wie einer Kamera verbinden, um es sinnvoll zu nutzen. In meinem Falle war das eine Canon EOS 5D Mark II. Eine super zuverlässige und robuste Kamera, die allerdings inzwischen in die Jahre gekommen ist. Ich sag‘ es nicht gern, aber sie entpuppt sich tatsächlich (ein wenig) als Flaschenhals bei dieser Kombination.

Ihr Fokus ist flott, aber man wird das Gefühl nicht los, dass das Sigma auch noch schneller könnte. Immerhin packt es beherzt zu und kennt praktisch kein Zögern. Auch der Wechsel der Schärfeebene von „sehr nah“ bis „weit entfernt“ geht zackig. Ganz lautlos ist das Sigma dabei nicht, sondern schnarrt kurz ganz leise und kuschelig.

Ärgerlicher ist der Sucher der Canon – er deckt lediglich 98 Prozent des Bildfelds ab (und das als Vollformatkamera) und ist nicht ganz so hell und klar wie bei neueren Modellen. Hier ginge also vermutlich auch noch etwas. Und gerade im Weitwinkel stört es, wenn man die eigenen Fußspitzen auf dem Bild hat, die man im Sucher nicht sehen konnte. Auch auf meinen Bildern hier im Artikel findet ihr ganz oft ein winziges Element, das am Rand hinein ragt und die Komposition stört.

Noch eine schwammige Aussage zur Bildqualität, ich fasse mich kurz: Wenn ihr ein Weitwinkelobjektiv braucht und das nötige Geld beisammen habt, solltet ihr das neue Sigma kaufen. Es steht vielleicht nicht als Definition von „Perfekt“ im Duden, aber es ist verdammt nah dran.

Erinnert ihr euch noch an das Mädchen oder den Typen, den oder das ihr vor ein paar Jahren im Club gesehen habt und von dem/der ihr auf der Stelle 15 Kinder wolltet? Genau so scharf wie euer damaliger Schwarm ist das 24-Millimeter-Art. Auf vielen Fotos hier ist das nicht unbedingt so zu sehen, aber vor allem in der Bildmitte gibt es nur wenige Objektive, die eine so hohe Auflösung erreichen, wie das Sigma.

Ähnliches gilt für die üblichen Bildfehler. Abgesehen von der weitwinkeltypischen Verzerrung gibt es kaum Verzeichnung und chromatische Aberrationen lassen sich nur bei Offenblende provozieren, wenn man es böse drauf anlegt.

Fazit

Wohin soll das noch führen, Sigma? Leider habe ich als Nikon-Fotograf das Nikkor-Pendant (AF-S Nikkor 24 mm 1:1,4G ED) nie ausprobiert, sehe aber ab sofort keinen Grund mehr, warum ich das Doppelte des neuen Sigma für diese Brennweite ausgeben sollte.

Das „Art 24mm F1,4 DG HSM“ gibt sich keine Blöße, lässt sich kaum überlisten, liefert zäh und verbissen hohe Bildqualität und fordert als einzigen Kompromiss, ein bisschen mehr Gewicht mit sich herum zu schleppen.

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Mehr!

  • Die Bilder oben kann man sich hier in Originalauflösung anschauen.
  • Weitere voll aufgelöste Bilder zu meinen Hands On-Berichten sind hier zu finden.
  • Mehr Hands on-Berichte selbst zu verschiedensten Kameras und Objektiven gibt es hier.
  • Ausgewählte Arbeiten im mworkz.portfolio
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8 Gedanken zu “Hands on: Sigma Art 24mm F1,4 DG HSM

  1. Und was mach‘ ich jetzt, Kerl? Schmierst einem da Sahne UND Honig UND Schokostreusel aufs Brot, aber das hilft mir nicht zu entscheiden, ob ich das Nikkor 24/1.4 zum Verkauf stelle – gibt ja Leute, die n u r Originallinsen vor ihre D90 schrauben und schon immer so ein Weitwinkel wollten… Und dann gibt’s Leute, die auf ihre alten Tage noch eine Fanboy-Karriere starten. Gut nur, dass Sigma das prima mit Produkt-Knappheit geregelt bekommt. In ferner Vergangenheit hattest Du mal ein 150-600 Sports besprochen, toll und schwer und eigentlich akzeptabel im Preis. Naja, Im Oktober wird’s dann ein Jahr, dass ich auf die Lieferung warte. Wollte es eigentlich im Mai an einem Bike-Event als „Achtung! Profi at work“-Attrappe mitnehmen, aber muss mir wohl einen anderen Bluff suchen.

    Was ich bei Deinen Beispielen vermisse: Gegenlicht mit Sonne (=Blendenflecken? Und mit „Sonne“ meinte ich ohen Wolken davor :D ), Lichter in Dämmerungsaufnahmen, Bokeh bei Nahaufnahmen/Gegenlicht, Nahaufnahmen überhaupt (es geht ja ran bis fast an den Streulichtblendenzipfel) gerade Linien nahe am Rand (Verzeichnung?), Auflösung (okay, dafür kann die Linse ja nichts, wenn das Gehäuse da eher mäßige Leistung bietet), Strukturen – aber auch hier ist die Canon halt leider der falsche body.

    Ich nehme an, Du hast die beiden 24er Scherben nicht direkt verglichen? Das Nikon ist ja schon nicht ganz schlecht. Ein bisschen mehr Klarheit wäre natürlich nett. Gleichzeitig frage ich mich, ob ich das Nikon nicht für „dunkle Ecken“ behalte und für Landschaften dann bei Gelegenheit die DP0 Merill quattro kaufe, die dürfte noch eine ganze Ecke mehr Details mit ihren 21 mm (analog KB) zusammenklauben.

    Wie gesagt, bei Sigma ist Vorfreude- und Nachdenkphase immer grosszügig bemessen.

  2. Okay, das Gegenlichtbild habe ich entdeckt, sieht ja ganz gut aus. Das mit dem schwergängigen Schalter finde ich eher vorteilhaft, auch, dass er im manuellen Betrieb dann einen weissen Hintergrund zeigt dünkt mich besser als die leichtgängigere Nikon-Lösung. Da kann man schon mal unabsichtlich den Schalter verstellen und sich dann auf den AF verlassen, weil man ja nicht absichtlich den AF ausgeschaltet zu haben glaubt. Und da man jederzeit manuell den Fokus stellen kann – also, ich brauche den Schalter nur für stativbasierte Bilder.

  3. Zu früh gesendet: Wenn der Fokusring so leichtgängig wie beim Nikon ist, kann es auch passieren, dass man ihn unabsichtlich verstellt. Fand ich schon vor 30 Jahren doof, dass Zeiss-Linsen sehr viel mehr Kraft brauchten als die Nikons, aber dafür rutschte einem die Einstellung dann auch nicht weg, wenn mal ein wenig mehr Wind blies.

  4. Toll. Man kann sich hier so richtig prima mit sich selbst unterhalten, ohne dass eine/r dazwischenfaselt. :D

    Mittlerweile kenne ich den Unterschied zwischen dem Nikon-Pendant (für etwas mehr als den doppelten Preis) und dem Sigma auch. Hab’s schliesslich selbst probiert, quasi Selbstversuch ( https://sojujo.smugmug.com/Testshots/24-mm-comparison/n-ts4BVt ) Endeergebnis für mich: Sigma gekauft, Nikon verkauft, noch ein bisschen Geld übrig behalten. Nirgendwo war das Sigma schwächer. Aber auch nicht brachial besser, erst wenn man das Ganze in 100% anschaut und einen 36MP Sensor dahinter hat, fallen ein paar Unterschiede auf. Waren trotzdem 5 tolle Jahre mit dem Nikkor, ich tausche es gegen eines mit lebenslang einem Service pro Jahr (in der Schweiz) ein, wohl wissend, dass ich den nur brauche, wenn ich’s mal die Treppe runterschmeiße. So wie unfreiwillig mit dem Nikon geschehen. Und überstanden.

    1. Ach! Es hat ja tatsächlich jemand zu diesem Artikel kommentiert!
      Was, nur JoJu? Nagut, der kann sich auch gut allein unterhalten….. *g*

      Aber danke, dass du das nochmal aufgreifst und den Link zu den Bildern – die Unterschiede sind ja teilweise schon erschreckend. Das hat durchaus Potential einige Kamerahersteller-Evangelisten zu überzeugen.

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