Hands on: Lomography Petzval

Ein „neues“ Objektiv, das überhaupt nicht „modern“ ist? Eine uralte Linse, die von zeitgemäßen Fotografen verehrt und benutzt wird?

Wer mir auf google+ folgt, weiß schon, was kommt: es geht um das Lomography Petzval. Dieses Objektiv ist manifestierte Fotografie-Geschichte, tauchen wir mal ein:

Josef Maximilian Petzval war ein deutsch-ungarischer Mathematiker, der 1837 einen Lehrstuhl für Mathematik an der Wiener Universität annahm. Dort konstruierte er ein nach ihm benanntes Objektiv, das als erste Porträtbrennweite der Geschichte gesehen wird. Es wurde von Voigtländer gebaut und katapultierte die Fotografie einen gehörigen Schritt nach vorn. Denn entgegen beispielsweise Daguerres Optiken war es mit 1:3,6 rund 22 mal lichtstärker und erlaubte somit erstmals Belichtungszeiten bei Menschenfotos, ohne, dass die Models mit Versteinerungspulver behandelt werden mussten.

Auch wenn es einen Grundstein für die Fotografie legte, verschwand das Petzval irgendwann wieder und wurde von weiter entwickelten Optiken überholt. Es blieb jedoch eine Legende und Lomography wollte diese zurück holen. Man initierte ein Kickstarter-Projekt und holte sich so die finanzielle Unterstützung von über 3.000 Leuten. Sie sorgten dafür, dass es das Petzval nun wieder gibt. Und zwar ohne jegliche Verbesserungen nach genau dem Design, das vor 155 Jahren entwickelt wurde.

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Das Petzval bei maximaler Offenblende; hier sieht man den Bildeindruck sehr schön: Eine knackige, sehr konzentrierte Bildmitte und verwaschene Bildränder.

 

Eindruck

hands-on_petzval-slant01Das neue Petzval ist mit seinem Messing-Look schon ein kleines Schmuckstück. Vor allem die typographischen Gravuren lassen es sehr edel wirken. Es ist einen Hauch kompakter als das Original, aber die wesentlichen Merkmale sind erhalten geblieben.

Da man vor 155 Jahren noch nicht im Traum an so etwas wie einen Autofokus gedacht hatte, muss natürlich manuell scharf gestellt werden. Das funktionierte auch nicht mit dem Ausrichten der Linsen innerhalb des Korpus, sondern der Tubus selbst wurde verstellt. Das geschieht mit dem auffälligen Stellrad an der Unterseite des Objektivs. Das ist weder besonders bequem noch ultragenau. Aber es hat so verdammt viel Charme. Praktischerweise bewegt sich dann am oberen Ende eine Skala mit, die eine ungefähre Entfernungsangabe liefert. Ohne Optik am Auge kann man so fix die Entfernung einstellen, in der man aufnehmen will. Und dann ist da noch ein kleiner Schlitz an der Oberseite, über den ich später mehr erzähle.

Auch wenn das neue Petzval für sich genommen als Kleinod anmuten mag – an einer modernen DSLR sieht es schon etwas seltsam aus. Mir stand die klassische Messing-Variante zur Verfügung, es gibt aber auch eine in mattschwarz lackierte, die besser zur SLR passt. Wer allerdings Bock auf diese Optik hat, der wird die gesamte Nostalgiepackung wollen und kein Problem damit haben, wenn sich das Objektiv „ein wenig“ von der Kamera abhebt.

Insgesamt wirkt das Teil sehr massiv und fühlt sich gut an. Der Schutzdeckel ist aus Metall wie eigentlich alles andere auch, was nicht grade aus Glas ist. Und mit rund 500 Gramm ist es auch nicht viel schwerer als moderne Geräte.

Eigenschaften

Entgegen dem heutigen Brauch, Objektive mit einer ganzen Batterie an Zahlen und kryptischen Abkürzungen zu bepflastern, gibt sich das Lomography Petzval eher schlicht und verrät mit seiner Bezeichnung keinerlei Geheimnisse über die inneren Werte. Die bekommt ihr von mir darum etwas ausführlicher diesmal…

Im Gegensatz zum klassischen Petzval (100 mm) hat das neue Petzval eine Brennweite von 85 mm entsprechend dem Kleinbildformat. Das ist heutzutage die typische Porträtbrennweite und eigentlich genau richtig. Denn an Crop-Kameras kommt man damit auf rund 127 mm und viel mehr sollte es für ein übliches Porträtobjektiv auch nicht sein. Ebenfalls nicht ganz original ist die maximale Lichtstärke.

hands-on_petzval-packageEs ist nämlich so: Mit welcher maximalen Offenblende man fotografieren kann, hängt davon ab, welche man reinsteckt.

Ja genau: es gibt nämlich keine integrierte Blende und schon gar keine Lamellenkonstruktion. Die Blende besteht aus einem simplen Metallstreifen, aus dem ein passend großes Loch ausgestanzt wurde und der durch einen Schlitz oben eingesetzt wird. Im Grunde also eine klassische Lochblende, nur etwas sauberer. Neben dem Objektiv erhält man entsprechend auch ein schickes Ledersäckchen, in dem Blenden-Streifen enthalten sind. Da sind die wichtigsten Werte zwischen maximal f2,2 und f16 dabei sowie einige experimentelle (verspielte) Stanzungen.

Das geile daran ist: Man kann sich relativ problemlos auch selbst Blenden und Effektblenden basteln. Oder man lädt sich einfach Vorlagen aus dem Internet herunter. Kreativen Spielereien sind damit keine Grenzen gesetzt. Für alle, die keine Ahnung haben, was so eine Effektblende bewirken soll: wenn der Ausschnitt im Blendenstreifen die Form einer Wolke hat, dann werden unscharfe Lichter im Bokeh-Bereich eines Porträts ebenfalls die Form einer kleinen Wolke haben. Süß! :)

(Ich hab das leider nicht selbst ausprobiert, sorry. Aber ihr findet hier ein paar Beispiele.)

Performance

hands-on_petzval-slant02Also wie erwähnt: Sowohl Brennweite als auch Lichtstärke wurden ein wenig modernisiert. Die Linsenkonstruktion selbst wurde aber praktisch nicht angefasst. Das bringt auch charakteristische Fehler mit sich, die natürlich gewollt sind.

Zum Beispiel ergibt sich bei diesem Design eine relativ deutliche Vignettierung sowie ein starker Schärfeabfall zu den Rändern hin. Das wurde später von Hugo Adolph Steinheils Aplanat korrigiert – aber beim Petzval ist es noch drin. Ihr werdet das deutlich auf den Bildern hier im Artikel sehen und wenn man sich ein wenig an das Petz gewöhnt hat, spürt man es als Fotograf sogar während der Benutzung. Das zwingt den Anwender allerdings auch meist dazu, wichtige Bildelemente mittig zu platzieren, was eigentlich so gar nicht mein Fall ist. Es hat aber auch den hübschen Effekt, dass der Bokeh-Bereich leicht kreisförmig verzerrt wird, was Motiven etwas unrealistisch, träumerisches verleiht.

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Bei diesem Bild wird man sich fragen, warum zum Teufel ich es verwendet habe – ist doch alles unscharf. Die Vergrößerung zeigt: das stimmt nicht ganz, das ist der Look des Petzval bei Offenblende. Im Bildzentrum ist es durchaus scharf, jedoch durch die Beugungsunschärfe ganz leicht weich gezeichnet. Den intensiven verwischten Effekt generiert das Petzval-Linsensystem und darf man durchaus als seine Charakteristik bezeichnen.

Das Petzval ist verständlicherweise der Inbegriff eines manuellen Objektivs. Hier wird euch bei der Belichtung nicht geholfen. Naja fast nicht, denn moderne Kameras messen die Belichtung ja durchs Objektiv und können euch daher mit dem Belichtungsbalken zuflüstern, ob das Bild zu hell oder zu dunkel sein wird. Ansonsten ist Handarbeit angesagt. Schnelles Verstellen der Blende hängt direkt von eurer Fingerfertigkeit ab genauso wie das Scharfstellen. Das Fokusgewinde ist eigentlich recht geschmeidig, aber die Übersetzung ist sehr ungewohnt, da man eigentlich nur Fokusringe kennt, die direkt um das Objektiv gelegt wurden. Das Scharfstellen erfordert Augenmaß und Feingefühl, geht aber. Schnelle Schnappschüsse müssen dennoch zweifelsohne bewussten Fotografien weichen.

Die Fotos in diesem Artikel habe ich mit dem Petzval an einer Nikon D800 geschossen – dem Auflösungsmonster des Herstellers. Nicht unbedingt eine Idealkombination, was das Erreichen knackscharfer Bilder angeht. Denn der Schärfebereich des Objektivs ist bei Blende f2,2 wirklich gering und wird noch mehr durch den Look der Konstruktion verschleiert. Der Vollformatsensor der D800 macht es nochmal schwieriger, den Fokus zu setzen (indem man mit den Beinen hin und her wackelt) und die affig hohe Auflösung des Sensors tut ihr übriges). Andererseits: Für stimmungsvolle Porträts ohne den Anspruch klirrendscharfer Kontraste ist das eine traumhafte Kombination.

(Hinweis: Die Bilder oben wurden mit Blende f2,2 aufgenommen, ab hier wurde Blende f5,6 verwendet)

Fazit

Ganz ehrlich: Es ist toll, das Petzval mal ausprobiert zu haben. Dieser Look ist schon etwas besonderes und es macht vor allem Foto-Fanatikern Spaß, mal etwas so ursprüngliches in der Hand zu haben. Ich könnte mir sogar vorstellen, es für ein Shooting als Haupt-Linse einzusetzen. Einfach, weil es einen Bildeindruck generiert, der sonst so gut wie einzigartig ist.

Aber ob ich es mir für rund 550 Euro kaufen würde? Eher nicht. Aber das liegt vorrangig an mir und nicht dem Objektiv, denn meine Optik-Wunschliste ist noch lang genug, bevor Spielereien an die Reihe kommen. Andererseits liebe ich den Look, denn er ist relativ unverbraucht und sehr emotional. Ich gestehe: Ich würde mir etwas mit dem Bildeindruck des Petzval wünschen, wenn ich nicht schon ein 50mm f1,2 hätte, dass ein ähnliches Bild erzeugt. Denn Menschenbilder wirken in diesem Stil so viel stofflicher.

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Mehr!

  • Die Bilder oben kann man sich hier in Originalauflösung anschauen.
  • Weitere voll aufgelöste Bilder zu meinen Hands On-Berichten sind hier zu finden.
  • Mehr Hands on-Berichte selbst zu verschiedensten Kameras und Objektiven gibt es hier.
  • Ausgewählte Arbeiten im mworkz.portfolio
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11 Gedanken zu “Hands on: Lomography Petzval

    1. Hallo, Carlheinz!

      Schon, oder? Allein, dass es (wieder) existiert finde ich toll; dann ist es noch gut verarbeitet und sorgt für ein ungewöhnliches Bild. Perfekt, um mal etwas anderes zu machen.

      1. Die digitale Fotografie mit ihrer Technik überladenen kalten Perfektion ist in eine Sackgasse geraten. Deshalb freue ich mich über diese mir noch nicht bekannte, aber auch über die anderen Möglichkeiten (z.B. Polaroid, analoge SW, Lochbildkamera, Handy usw) um auszubrechen, um eigene, neue Ausdrucksmöglichkeiten zu suchen

      2. Ach, das lese ich aber gern. :)
        Also vor allem der Wunsch, dem visuellen Mainstream etwas entgegensetzen zu wollen und durch neue Herausforderungen eine alternative Ausdrucksmöglichkeit zu suchen. Das ist für mich selbst eine wichtige Motivation der Fotografie und ich bewundere jeden, der sich selbst dazu verleitet.

        Tatsächlich könnte Lomography eine interessante Fundgrube sein. Das Unternehmen kümmert sich darum, längst vergessene und absichtlich unperfekte Fotoprodukte wiederzubeleben. Vorrangig, um das Gefühl des Fotografierens zu zelebrieren, nicht so sehr die Bildergebnisse. Der Shop hält ab Seite 3 interessante Sachen bereit: http://shop.lomography.com/de/cameras?p=3 Ab Seite 7 taucht zum Beispiel der Spinner auf, witzige Geschichte mit deutlichen Bruch zur gewöhnlichen Fotografie. Der Shop muss ja nicht unbedingt als Kaufquelle dienen, sondern bietet eventuell Inspiration, neue Wege zu finden.

        „Die kalte Perfektion“ einer digitalen Aufnahme ist übrigens ein weit verbreitetes Vorurteil. Ich weiß nicht, ob es wirklich ein Vorurteil oder schlicht wahr ist. Interessant ist aber, dass gerade junge und zeitgemäße Fotografen immer wieder auf analoge Fotografie oder zumindest auf Filtersimulationen á la VSCO zurück greifen, um das Material analog aussehen zu lassen. Ich bereite auch dazu gerade eine kleine Artikelserie vor.

        Gruß, ml

  1. Klasse Mario
    Schön daß du dieser Linse einen Artikel gewidmet hast. Ich bin ab und zu schon ein wenig am überlegen, ob ich in diese Linse investieren soll, da mir der „swirl“ im Bokeh echt gut gefällt. Allerdings bin ich mir unsicher, ob sich die Investition lohnt und es auch wirklich regelmäßig zum Einsatz kommt. Sonst wär’s nur rausgeschmissenes Geld. Ich bin durch Recherche auf ein altes Helios 85/1.7 gestoßen, welches einen ähnliches Bokeh zaubert. Kostet nur einen Bruchteil des Preises vom Petzval. Mal schauen ;-)
    LG kiki

  2. mich reizt dieses ding, seit ich vor etwa eineinhalb jahren zum ersten mal davon gelesen hab. seit ich mich dauernd mit dem pentacon spiele weiß ich auch, wie sehr ich diese „bildfehler“ in der unschärfe liebe. der preis schreckt mich halt auch ab, vor allem weil ich mich dann immer frage: wie oft werde ich es wirklich verwenden?

    1. Hey Paleica!

      Natürlich stellt man sich diese Frage. Man kann sie beantworten, wenn man ein wenig Erfahrung hat. Ich liebe diesen unperfekten, manuellen Look genauso wie du. Aber ich brauche etwa bei Shootings Schnelligkeit und Präzision. Darum wird eine AF-Optik bei mir immer zuerst kommen. Etwas manuelles und verspieltes zählt zum reinen Vergnügen und kommt erst infrage, wenn ich das Geld übrig habe und die Sehnsucht zu groß wird.

      Ich kann da ohnehin einfach argumentieren, denn mit dem 50mm f1,2 das ich habe, besitze ich bereits eine unschlagbare manuelle Porträt- und Traumoptik. Lies mal den GibA-Artikel, den ich heute veröffentlicht habe (http://wp.me/p1Dxv-46p9). Vielleicht bringt er dich noch auf eine andere Idee. :)

      Gruß,
      mario

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