Hands on: Canon EF 100-400mm f/4.5-5.6L IS II USM

Das Jahr beginnt… weiß!

Okay, mit dem weißen Canon EF 100-400mm f/4.5-5.6L IS II USM beginnt das Jahr eigentlich gar nicht, denn das gibt es nun schon ein paar Wochen zu kaufen. Aber es ist ein absoluter Klassiker unter den Canon-Optiken und es hat lange gedauert, bis es zu dieser neuen Version kam. Denn die aktuelle Optik trägt eine „II“ im Namen und verweist damit auf seine Rangfolge als erneuerte Version des ersten 100-400mm-Zooms. Das kam bereits vor 16 Jahren auf den Markt und hat seitdem tausende Fotografen glücklich gemacht.

Also gut, ich hatte da rund dreieinhalb Pfund frisches Glas an eine 5D Mark II geschnallt und weit und breit war kein Motocross-Rennen oder Wolfsrudel in Sicht, das ich passenderweise vor die Linse nehmen konnte. Was also tun und wohin damit? Die Antwort liegt nahe: Raus in die Kälte, rein in den gefrorenen Schnee und auf die Lauer gelegt, um ein paar vereinzelte Sonnenstrahlen zu fangen.

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Eindruck

hands-on_canon-100-400mm_001Ein Zoombereich von 100 bis 400 Millimetern spricht für ein sehr performantes Telezoom, das vor allen Dingen brachial rüberkommt. Auf das neue Canon trifft das gar nicht so zu. Es ist sogar überraschend kompakt, wenn man sich die Leistungswerte vor Augen hält – rund 19 Zentimeter lang und knapp 9 Zentimeter im Durchmesser. Dafür hat es gegenüber dem Vorgänger um die Mitte herum etwas zugelegt. Mit etwa 1,6 Kilogramm (ohne Standfuß, der aber praktisch immer dran ist) wiegt es etwa 200 Gramm mehr.

Es zieht also schon etwas an der Schulter und wenn man einen Tag lang ohne Stativ mit der Kamera an der Hüfte unterwegs ist, merkt man das schon. Schuld sind ein paar Extras und ein wenig Glas mehr im Inneren, aber dazu später.

So kompakt das Äußere wirkt, so solide wirkt es auch. Da klappert und rüttelt nichts, die Bedienelemente fassen sich toll an. Ein kleines bisschen hat mich bei den Schiebeschaltern immer gestört, dass sie keine Erhöhung haben, die Widerstand bietet und durch die man schneller schalten kann. Die gibt es immer noch nicht – wohl, um das Design schlank zu halten, stattdessen gibt es jetzt aber Vertiefungen. Die bieten im Grunde ebenfalls den nötigen Grip, damit der Finger nicht ergebnislos auf den Schaltern herumrutscht.

Eigenschaften

Canon hat bei der neuen Version aufgerüstet: Im Inneren des 100-400er Zooms steckt eine sehr komplexe Anordnung von 21 Linsen in 16 Gruppen. Darunter auch ein paar Sondergläser, die für bessere Bildqualität sorgen sollen.

An elektronischen Spielereien verbirgt sich eine Fokusbereichsbegrenzung. Man kann sie umschalten, damit der volle Entfernungsbereich zum Fokussieren durchsucht wird oder alles ab 3 Meter bis unendlich (Naheinstellgrenze rund 1 Meter). Noch eine Zwischenstufe wäre allerdings gut gewesen, denn mit einem Zoom ab 100 Millimetern liegt außer bei Makromotiven fast alles zwischen 3 Meter und unendlich.

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Sehr schick ist der Bildstabilisator. Im Sucher macht er sich kaum bemerkbar (einige Sigmas zucken hektisch beim Scharfstellen) und leistet wirklich gute Arbeit.  Laut Canon kennt er außer dem simplen „Ein“ und „Aus“ inzwischen auch drei weitere Modi: „Standard“, „Mitzieher“ sowie „nur während der Belichtung“. Bei meinen Testaufnahmen hat sich das kaum bemerkbar gemacht, der Einsatz war aber auch nicht wirklich nötig. Interessanter und cooler ist die Einstellmöglichkeit des Zoomens.

Ein unscheinbarer weißer Ring in der Mitte des Tubus erlaubt, den Widerstand beim Verstellen des Zooms festzulegen. Muss man schneller arbeiten, stellt man es weicher. Braucht man wenig aber präzisen Spielraum (oder filmt man) stellt man es stärker. Sehr nette Geschichte.

Performance

Ich bin kein geübter Telefotograf – außer bei den f2,8-Vollformatzooms überrascht es mich immer wieder ein klein wenig, wenn ein Zoom mit einer Anfangsblende von jenseits f4 daherkommt. Denn mit meinem üblichen Fotoverhalten bekommt man damit sofort unterbelichtete Aufnahmen. Also etwas umgewöhnen und umstellen. Sicherheitshalber gehe ich bei diesen Brennweiten nie unter 1/160 Sekunde Verschlusszeit, da ich nichts verwackeln will. Ich muss die ISO also hochdrehen und das tue ich bei der verwendeten EOS 5D Mark II eher ungern – das Korn hat eine schöne Charakteristik, aber das Rauschen wird schnell nervig.

Das neue Canon kommt dabei allerdings hilfreich daher. Ich habe ein paarmal sogar mit 1/80 Sekunde aus der Hand fotografiert und dank Stabi nichts verwackelt. Das verdient Anerkennung (nicht mir, dem Objektiv). Ganz lautlos ist der übrigens nicht, man kann ihn ab und zu keuchen hören. Aber nur, wenn man so wie ich, in völlig stillem Wald im Schnee liegt und das Zähneklappern einen Moment unterdrücken kann. Also nicht wirklich störend.

Sehr gut gefällt mir der Bildeindruck. Die Motive sind herrlich dicht und gegenüber dem Vorgänger noch ein Hauch malerischer, denn das erste 100-400er hatte nur 7 Blendenlamellen, dieses nun hat 9. Fotografiert man in einen Wald hinein, rückt bei maximaler Teleeinstellung alles schön beisammen, verschwimmt und kreiert einen herrlichen Tele-Look. Ich könnte mir das Zoom auch für die Porträtfotografie vorstellen, aber dafür ist es leider etwas zu schwer.

Qualitativ liegt es davon abgesehen auf sehr hohem Niveau. Fotografiert man nicht gerade direkt in die Sonne mit einem Baum davor, dann sieht man fast nie chromatische Aberrationen. Sie rutschen in Extremsituationen zwar in den Magenta- und Grünbereich, verschwinden bei weniger problematischen Situationen aber auch schnell. Die Vignettierung scheint ebenfalls extrem zurückhaltend zu sein, würde mich bei Teleaufnahmen aber auch nicht sehr stören. Da gehört sie für mich zum Look dazu.

Fazit

Das neue Canon EF 100-400mm f/4.5-5.6L IS II USM scheint sich das Qualitäts „L“ verdient zu haben. Auf den ersten Blick ist es ein nicht allzu lichtstarkes Telezoom, aber die Qualitäten stecken in der Vielseitigkeit und den kompakten Maßen. Auch wenn es relativ schwer ist, passt es in jede Fototasche eines ambitionierten Fotografen und bringt ein paar Spielereien mit, die Fortgeschrittenen hilfreich erscheinen dürften.

Mit rund 2.200 Euro ist es nicht ganz billig, dafür gibt es das Vorgängermodell jetzt um knapp die Hälfte und hat sich immerhin viele Jahre bezahlt gemacht.

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Mehr!

  • Die Bilder oben in Originalauflösung kann man sich hier anschauen.
  • Weitere voll aufgelöste Bilder zu meinen Hands On-Berichten sind hier zu finden.
  • Mehr Hands on-Berichte selbst zu verschiedensten Kameras und Objektiven gibt es hier.
  • Ausgewählte Arbeiten im mworkz.portfolio
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7 Gedanken zu “Hands on: Canon EF 100-400mm f/4.5-5.6L IS II USM

  1. sowas großes und schweres wäre wohl nix für mich und würde (abgesehen davon, dass ich nikonianierin bin) an meiner d90 wohl auch nicht die entsprechende leistung bringen. die bilder finde ich aber wunderschön, besonders die 2. und 3. galerie. auf die lauer legen hat sich gelohnt!

    1. Aahhh, Nikonianer sind sowieso die professionelleren Profis *duckundwegrenn* :D

      Freut mich aber, dass dir die Bilder gefallen! Diese werden bei Hands-on-Artikel nur sehr selten kommentiert.

      Gruß,
      ml

  2. Mario, Du machst einen Unterschied zwischen „Rauschen“ und „Korn“. Mal abgesehen davon, dass Korn u.a. als Begriff bei Analogfilmen gebraucht wird: Meinst Du damit Farbrauschen und Struktur des Rauschens?
    Bei Gegenlicht sieht man gelegentlich Blendenreflexe, obwohl nicht immer direkte Sonnenstrahlung erkennbar ist. Streulichtblende hattest Du sicher montiert? Dann ist die wohl nicht sehr effizient?
    Und zum „Tele-Effekt“ mag ich gar nichts kommentieren, diese Fabel hält sich so hartnäckig, dass ich lieber gegen einfachere Windmühlen reite :)

    1. Hi Joju!

      Oh, als so strenger Unterschied war das nicht gemeint, aber stimmt, den Satz kann man durchaus falsch lesen. Ich wollte es eher so ausdrücken, dass ich als das, was in analogen Zeiten unter „Korn“ verstanden wurde heute als die „Struktur des Rauschens“ verstanden werden könnte. Wenn man so wollte. Obwohl es immer noch nicht korrekt ist. ^^

      Ja, die Streulichtblende war die ganze Zeit drauf. Zugegeben, ich habe das Fotografieren in die Sonne manchmal forciert – weil ich weiß, dass der AF der Canon dann ins Straucheln kommt und ich testen wollte, wie das Objektiv mitmacht. An dem Tag herrschte fürs Fotografieren ultrahartes Licht, das sich vermutlich überall gebrochen hat. Beim ersten Bild oben ist es schon grenzwertig – das ist auch nicht zugeschnitten, der Blendenfleck müsste also nicht unbedingt sein.

      Jaja, Teleeffekt :P
      Ich weiß schon, worauf du anspielst – aber wenn ich das aufdrösele sterben mir die Leute beim Lesen weg und die meisten wissen, was gemeint ist, wenn ich das so nenne. Einfach, weil sie die Art des Bildeindrucks kennen, wenn sie durch ein Tele schauen statt durch Weitwinkel oder Normalbrennweite.

      Gruß,
      Mario

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