Hands on: Lytro Illum

Eine neue Generation der Kamera an sich: die Lytro Illum.

Am Sonntag habe ich ein Zukunftsgefasel über Lichtfeldfotografie und plenoptische Kameras verfasst. Darüber, wie die Fotografie in einigen Jahren sein könnte und was Kameras alles leisten können. Nicht ganz ohne Hintergedanken, denn damit habt ihr das nötige Hintergrundwissen zur Lytro Illum. Denn dies ist eine der ersten alltagstauglichen plenoptischen Kameras für den Endanwender. Und sie erfordert Umdenken.

Die Kurzfassung zum Hintergrund der Illum: Dank eines Tricks – Mikrolinsen vor jedem Sensorpixel – kann die Kamera nicht nur punktförmige Lichtquellen wahrnehmen, sondern Lichtstrahlen. Sie weiß nicht nur, wie hell das Licht ist, sondern auch, woher es kommt. Und sie kann Bilder mit extrem hoher Schärfentiefe erfassen und weiß, wie weit ein Objekt von der Kamera entfernt ist.
Außerdem macht sie ein Foto nicht direkt, sondern überlasst dies dem Anwender. Denn die Bilder lassen sich nachträglich verändern: in gewissem Rahmen kann die Aufnahmeperspektive angepasst und sogar der Fokuspunkt versetzt werden. Das klingt immer noch nach Science-Fiction, ist aber Realität.

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Eindruck

hands-on_lytro-illum_002Die erste Kamera, die von Lytro im Jahr 2012 zu kaufen war, sah aus wie … ein länglicher Würfel. Vermutlich nicht ganz zufällig, denn das Ding war wesentlich mehr als eine gewöhnliche Kamera. Eigentlich eher ein Computer mit Bildsensor und LCD. Für die neue Illum hat man sich von diesem Design verabschiedet – vermutlich zu fremdartig und zu wenig fotografisch.

Der Body der aktuellen Lytro erinnert nun auch mehr an eine System- oder Bridgekamera, bleibt aber auffällig. Zum Beispiel durch den gewaltigen 4-Zoll-Touchscreen (der sich praktischerweise ein wenig klappen lässt) und den spärlichen Einsatz von Schaltelementen. Das Attribut „gewaltig“ können wir gleich beibehalten, wenn wir einen Blick auf die fest integrierte Optik werfen. Diese ist nämlich wirklich massiv und hat einen Durchmesser von praktisch der Höhe der Kamera.

Immerhin ist der Auslöseknopf an gewohnter Stelle und auch die Beschriftungen der rückseitigen Bedienelemente ist Fotografen vertraut. Verdächtig mysteriös wirken allerdings ein Button mit Lytro-Logo auf der Oberseite und einer mit Unendlich-Symbol auf der Rückseite. Erster schaltet die Kamera während dem Betrieb auf eine Anzeige der Tiefenkarte um. Man sieht dann im Display, wo das Gerät den Vorder- vom Hintergrund trennt. Der zweite Button fokussiert automatisch auf unendlich. Warum man das brauchen sollte? Dazu später mehr.

Eigenschaften

hands-on_lytro-illum_004Zumindest die meisten technischen Eigenschaften lesen sich wie die einer gewöhnlichen Kamera: Die Optik zum Beispiel deckt einen Brennweitenbereich von 30 bis 250 Millimetern entsprechend dem Kleinbildformat ab. Das ist sehr großzügig und noch netter angesichts der Tatsache, dass sie eine durchgängige Lichtstärke von 1:2,0 hat. Mit einer kürzesten Verschlusszeit von 1/4.000 Sekunde ist sie flott aufgestellt und auch die maximale Serienbildanzahl ist mit drei Bildern pro Sekunde ganz okay. Wird man aber für gewöhnlich nicht brauchen.

Mit der (heutzutage nicht mehr sehr hohen) maximalen Lichtempfindlichkeit von ISO 3.200 nähern wir uns dann schon langsam den Angaben zum Sensor und hier wird es richtig seltsam. Verbaut ist ein Bildfänger nach CMOS-Standard von 1/1,2-Zoll Größe. Mit einer aktiven Fläche von 10,8 mal 7.5 mm also deutlich kleiner als APS-C. Reingeklöppelt hat man allerdings keine Sensorpixel, sondern marketing-wirksame „Megarays“. Wie sich Lytro diesen Begriff herleitet, weiß kein Mensch. Nichtmal ich, obwohl (oder gerade?) ich mich mal mit einem der Entwickler unterhalten habe. Fest steht jedoch, dass der Sensor eine Auflösung von 40 Megarays hat. Das kann man auch nicht so genau umrechnen, aber Lytro bietet an, gerenderte Fotos in 2D auszugeben. Und diese besitzen schließlich eine Größe von rund vier Megapixel.

Das ist nicht viel, sollte aber kein Grund sein, nachdem die Kamera zu bewerten ist. Denn 2D-Bilder sind bei der Illum im Grunde nur eine Möglichkeit, erfasste Motive auszugeben. Davon abgesehen ist die Auflösung auch einer der Werte, an denen Lytro permanent schraubt. Laut Hersteller will man den Wert alle paar Jahre mindestens vervierfachen. Das ist durchaus realistisch – das Vorgängermodell hatte noch etwa 1 Megapixel Auflösung.

Interessant zu erwähnen ist noch, dass dem Sensor ein Snapdragon 800-Prozessor von Qualcomm zur Seite steht. Das ist eine Recheneinheit, die sich für gewöhnlich in Smartphones findet und für einigermaßen Dampf unter der Haube sorgt. Das soll auch die Animation beim Starten der Kamera zeigen, die hübsch bunt ebenfalls an das Einschalten eines Telefons erinnert.

Arbeitsweise

Ich bin jetzt einfach mal so dreist und nenne mich einen erfahrenen Fotografen. Von analogen Modellen über sämtliche digitale Bauarten habe ich schon alles in der Hand gehabt. Dennoch: Mit der Lytro zu fotografieren hat sich für mich angefühlt, wie über die Abdeckplane eines gefüllten Swimmingpools zu laufen: Du weißt, was du tust, aber es fühlt sich irgendwie seltsam an. Und es verhält sich anders, als du es erwartest.

Den Abschnitt „Arbeitsweise“ gibt es sonst gar nicht in meinen Berichten, aber hier halte ich ihn für angebracht. Denn obwohl man mit der Illum fotografieren kann wie mit jeder anderen Kamera, passieren merkwürdige Dinge. Und diese erklären auch die teils merkwürdigen Bilder hier im Artikel.

Keine zwei Bilder, sondern ein Bild - allerdings unterschiedlich eingestellt, nachdem es aufgenommen wurde.
Keine zwei Bilder, sondern ein Bild – allerdings unterschiedlich eingestellt, nachdem es aufgenommen wurde.

Einschalten, fokussieren und Auslösen – soweit nichts ungewöhnliches. Fokussieren kann man übrigens durch Antippen auf dem Bildschirm. Dann rattert die Illum kurz ganz leise, als ob sie mehrere Aufnahmen nacheinander machen würde und zeigt einem Sekundenbruchteile später ein Bild auf dem Monitor.
Eins, das fehlfokussiert ist.
Zumindest in den meisten Fällen bei meinen Tests.

Das muss im ersten Moment nichts heißen, denn wie wir wissen, kann man den Fokus der Bilder nachträglich ändern. Ist aber etwas ungewöhnlich und fühlt sich seltsam an. Fast immer bevorzugt die automatische Generierung der Vorschau den Bildhintergrund als scharfes Motivelement. Darüber hinaus scheint die Kamera tatsächlich mehrere Bilder zu machen, denn nicht nur der Fokus ist nachträglich anpassbar, auch die Perspektive kann in kleinen Maßen korrigiert werden.

Das liegt daran, dass der Sensor in der Lage ist, die Position von Motiven im Raum zu erkennen und teilweise Bildelemente zu erfassen, die nicht frontal dem Sensor zugewendet sind. Und da die Kamera Abstände von Objekten zueinander unterscheiden kann, kann sie diese auch separieren und gegeneinander bewegen. Das lässt sich dann hinterher zum Beispiel in einer Animation abspielen.

Ein Beispiel für das, was Lytro "lebendiges Bild" nennt. Die Animation ist aus einem "Foto" entstanden, nicht aus einer Serie von Aufnahmen. Dieser Effekt lässt sich mit jedem Bild aus der Lytro realisieren.
Ein Beispiel für das, was Lytro „lebendiges Bild“ nennt. Die Animation ist aus einem „Foto“ entstanden, nicht aus einer Serie von Aufnahmen. Dieser Effekt lässt sich mit jedem Bild aus der Lytro realisieren.

Trotzdem muss man sich erst an all das gewöhnen. Wirklich gute Bilder gelingen erst nach einiger Übung und vor allem die ersten Fotos muss man in der Entwicklungsumgebung des Herstellers – Lytro Desktop – bearbeiten. Dabei kommen übrigens eine Menge Daten zusammen. Die Lytro schießt Fotos in zwei verschiedenen RAW-Formaten (kein JPG), die pro Bild so um die 50 Megabyte auf die Waage bringen. Verändert man Einstellungen oder entwickelt das Foto, dann laufen zusätzliche Daten auf. Nachdem ich an meinen rund 70 Testfotos ein wenig rumgespielt hatte, drängte sich der Bilderordner mit knapp acht Gigabyte in eine Ecke der Festplatte.

Performance

Da steckt schon eine Menge Rechenkapazität in der Kamera, die auch benötigt wird. Aber damit scheint die Illum gut klar zu kommen. Das Ding läuft flüssig und verbraucht vergleichsweise wenig Strom. Der Zoomring der Optik fasst sich ausgezeichnet an und lässt sich auch sehr gut bedienen. Das Verstellen der Brennweite geht sehr geschmeidig und praktischerweise zeigt das Display den momentanen Wert an. Und zwar auf einen Millimeter genau.

Schärfentiefe oder nicht? Kann man alles hinterher festlegen.
Schärfentiefe oder nicht? Kann man alles hinterher festlegen.

hands-on_lytro-illum_005Vor allem auf dem Monitor, der gleichzeitig als Sucher dient, ist eine Menge los. Das Menü drängt sich sehr unscheinbar an die rechte Seite – daneben ist eine Skala zu finden, auf der etwas dargestellt wird, das wie ein in gold und blau geteiltes Histogramm aussieht. Das ist eine Entfernungsskala, die dem Fotografen zeigt, wo Vorder- und Hintergrund des Motivs erkannt wurden und wie weit beide entfernt sind. Eine Live-Ansicht zeigt das ganze nochmal in Echtzeit – die Bildbereiche werden dann von goldenen und blauen Flecken überlagert. Hier spürt man dann doch den Rechenaufwand, denn die Darstellung läuft meist nicht mehr flüssig ab. Angenehm ist immerhin die Bedienung der Kamera. Viele Wischgesten, die man auch vom Smartphone her kennt, lassen sich anwenden und die Bildschirmwechsel erfolgen flott.

Die Lytro Illum ist keine Supersportlerin wie eine Nikon D4, das ist klar. Die Arbeit mit ihr läuft etwas gemächlicher ab – das liegt aber auch zum großen Teil an dem Fotografen und dem ungewöhnlichen Gefühl und nur zum kleinen Teil an der Kamera. Diese ist eigentlich schnell genug für die Alltagsfotografie und wenn man weiß, wie sie sich verhält und auslöst, kann man auch schnelle Schnappschüsse machen.

Fazit

Die Lytro Illum gibt einen spannenden Ausblick in die Entwicklung der Kameratechnik. Der Hersteller hat hier eine ungewöhnliche Technik in ein angenehm vertrautes Gehäuse verpackt, dennoch wirkt es ungewohnt, das Ganze zu bedienen. Man spürt, dass das Ganze noch nicht ausgereift ist und viele Bilder wirken noch sehr „digital“ mit einem harten, künstlichen Charakter. Aber spielt man in der Entwicklungssoftware mit den Ergebnissen herum, ist es schon ziemlich verblüffend, was sich alles machen lässt.

Die Bildqualität kann sich noch nicht mit der klassischer Kameras messen, das muss festgehalten werden. Die Frage ist aber auch, inwieweit dieser Vergleich zulässig ist. Mit der Lytro Illum muss man sich nämlich von Konzept eines schnellen und sofort fertigen Bilds erstmal verabschieden. Die Magie entsteht erst in der Nachbearbeitung, zeigt dabei aber auf, was für ein gewaltiges Potential in der Bilderfassung noch schlummert.

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Mehr!

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5 Gedanken zu “Hands on: Lytro Illum

  1. Vielleicht erlebe ich schneller, als ich heute annehme, eine Anwendung, bei der die Wiedergabe losgelöst von heutigen Zwängen stattfindet. Momentan sind alle Wiedergabemedien leider nur flach und ich finde nicht, dass das der Tiefendarstellung gerecht wird.

    Das ist wohl ein ähnlicher Umbruch vom Potential her wie es die bisher bekannte Fotografie für die Malerei war. Die Ergebnisse finde ich bis jetzt nicht aufregend, weil der Entscheid, was scharf zu sehen ist, zwar von mir getan werden kann – aber mit der heutigen technischen Voraussetzung doch ein arges Geruckel ist. Ich denke aber auch an die Bilder aus der Entstehungszeit der Fotografie, die heute doch arg informationsverknappt wirken, keine Farben, wenig Auflösung und schon gar keine Schnappschüsse.

    Ich glaube nicht, dass die Lichtfeldfotografie so lange brauchen wird, bis sie eine Alternative zur heute gewohnten Darstellung ist. Eine andere Frage ist, ob ich das Betrachten von Bildern immer darauf beschränken möchte, ob eine Energiequelle für das Projektionsgerät in der Nähe ist?

    1. Toller Kommentar, JoJu, hab vielen Dank!

      Ich entnehme deinen Worten, dass du bereits problemlos eine Perspektive auf die Dinge einnehmen kannst, die nötig ist, um zu begreifen, was man da vor sich hat. Es ist erstaunlich, wie treffend der Vergleich zwischen einem Gemälde und einer der ersten Fotografien mit heutigen Fotos und einem Bild der Lytro Illum ist.

      Tatsächlich wirken die Bilder oben sehr digital und artifiziell. Aber bis sich das ändert, ist es nur eine Frage der Zeit und wir wissen, dass die in Bezug auf technischen Fortschritt immer schneller durch die eigenen Finger rinnt.

      Ich denke auch, dass man eigentlich beim Verstehen und Genießen eines Bilds beginnen muss, bevor man über die Aufnahmetechnik redet. Dass dreidimensionale Momente in 2D von uns festgehalten werden, ist für den größten Teil der Menschen eine Tatsache, die nicht hinterfragt wird. Es wird nicht einmal daran gedacht, sie zu hinterfragen.

      Wissenschaftlich gesehen, ist es jedoch eine Unzulänglichkeit. Verlust von Informationen. Tausende arbeiten jedoch, um diese Lücke zu schließen. Es existieren bereits Holografie und dreidimensional aufzeichnende Geräte. Die Chancen stehen gut, dass wir sie einmal gebrauchsfertig in der Hand halten werden.

      Deine Anmerkung zur Energieversorgung wird dann essentiell werden. Da muss ein großer Durchbruch her, doch ich bin sicher, dass auch dies irgendwann keine Frage mehr ist. Man kann sich ja alternativ bereits heute schon das Gruppenbild mit der Familie in 3D ausdrucken und in den Schrank stellen.

      1. Lieber ML,

        Danke für Deine Zeilen.

        Ich denke schon, dass mit der richtigen App auch heute bereits von Lytro profitiert werden könnte, auch unterwegs, Nur sind die Limits hier halt Dateigrösse, Prozessorgeschwindigkeit und Energievorrat. Die Wirkung eines grossen 2D-Bildes ist derzeit sicher immer noch gewaltiger als das mir als Spielerei vorkommende nachträgliche Durchzoomen.

        Natürlich wird nicht hinterfragt „muss 2D denn sein?“, denn für vieles hat sich eine räumliche Bildsprache entwickelt, die allgemein gut verstanden wird. Esperanto wird auch verstanden, ebenso wie Stenografie und Gebärdensprache – halt nur von relativ wenigen. Da wird ja auch nicht hinterfragt, ist geschriebenes/gesprochenes Deutsch das Maß der Dinge, solange man die Information transportieren kann, die man an den Mensch bringen will.

        Außerdem gibt es auch heute konventionelle Kameras, die bei gutem Licht durchaus einen 3D-Effekt in einem Ausdruck zeigen. Wiederum ohne weitere Limitationen und auf üblichen Tintenstrahlern. Man kennt die halt nicht so, denn Bayer-Sensoren sind die Norm, nicht deren Foveon Kollegen. Tatsächlich können – in meinen Augen – die noch aktuellen Sigma Merills den noch aktuellen 36MP Kameras sehr locker das Wasser reichen, gutes Licht vorausgesetzt. Sie schaffen nur nicht die Schwachlicht-Leistung ihrer Bayer-Kolleginnen.

        Unabhängig vom Sensor haben sich 3D-Verfahren jedoch nicht durchgesetzt – dafür gibt es Theater, Skulpturen und Plastiken. Bildgebende Verfahren haben als Urahnen die Höhlenmalereien, die ja auch zeigten, wo man ein Mammut hauen muss, dass man was zu essen bekommt. Um mehr Info gibt’s vielleicht gar nicht.

        „Das Gruppenbild ausdrucken und in den Schrank stellen“ – tja, auch mit einer Lytro kann man nicht durch das Gruppenbild gehen… ;) Holodeck muss noch ein bissel warten. Lytro ist für mich auch nur eine Art Stereobrille, die Grenzen sind noch viel zu viele.

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