Die ultimative Kamera

Die photokina 2014 rückt näher. Und in ihren Schatten verstecken sich Hinweise auf richtig heftige Wogen im Kamerameer.

Was macht eine Kamera wirklich hochwertig und besonders? Technische Spielereien, Motivprogramme, vielfältige Möglichkeiten? Mehr Pixel? Das haben sie alle mehr oder weniger. Die Kameras, die ich letzten Monat ausprobieren konnte – vor allem die Sony A7s und die Mittelformatkamera Pentax 645Z haben jedoch deutlich gemacht, was die wirklichen Stärken einer Kamera sind: die Brillianz ihrer Aufnahmen und vor keiner Aufnahmesituation einzuknicken.

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Im Mittelformatsektor versammelt sich die Leistungsspitze der Fotokamerabranche. Die Luft ist hier so dünn, dass man sich in einem Wettrennen kaum von der Konkurrenz absetzen kann. Hier trifft technische Machbarkeit auf physikalische Grenzen.

Extreme Herausforderungen

Fakten: Die brutale Pixelgewalt von 51 Megapixel der Pentax 645Z kratzt jedes Detail aus der Wirklichkeit und verzeiht nicht den geringsten Fehler (Beispielbild in voller Auflösung im Hands-on). Jede auch noch so kleine Bewegungsunschärfe ist sofort zu sehen. Hinzu kommt der irrsinnige Mittelformatsensor, der soviel Licht frisst und so groß ist, dass die Schärfeebene bei Offenblende auf eine Länge von wenigen Millimetern zusammenschrumpft. Dann kommt noch dazu, dass der dekadent anspruchsvolle Bildsensor ordentlich versorgt werden will, was hohe Anforderungen an eine entsprechende Linsenkonstruktion stellt.

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2014-online_0793_september-smile_001Beispiel: Ich bin mit der Pentax und der lieben Angie zum Shooting draußen gewesen. Will man keine verträumten Porträts machen, sollte man nicht unter f8 gehen, um den kompletten Körper des Models in der Schärfeebene zu haben und es plastischer freizustellen. Blende f8 erfordert eine ungleich längere Verschlusszeit wie etwa f2,8. Kein Problem, wenn viel Sonne da ist. Allerdings shooteten wir unter dichten Bäumen, also bei wenig Licht. Und für ein Stativ war weder Zeit noch Platz. Ich wollte auch nicht die ISO hochschrauben, denn wenn schon Mittelformat, dann bitte auch möglichst saubere Bilder und ein Aufhellblitz hätte mir die Stimmung zerstört. Fiese Situationen also für jede Kamera. Bei der Pentax kommt erschwerend hinzu, dass sie schwer ist und die maximale Schärfe eher bei Blende f5,6 erreicht. Bereits bei f8 und f11 setzt schon wieder die Beugungsunschärfe ein, die das Bild weicher werden lässt. Wenn man Pech hat, dann ist das Objektiv so berechnet, dass es erst bei f5,6 oder f8 wirklich knackscharf wird. Und unter Umständen ist man gezwungen, unterzubelichten und in RAW zu schießen, denn wenn man unter 1/125 Sekunde geht, sind Bewegungsunschärfen vorprogrammiert.

Ihr seht also, was ich meine: die Leistungsgrenzen in diesem Bereich sind extrem dünn. Eine Mittelformatkamera macht keine Panoramas aus der Hand, wird nicht schneller sein als ein paar Bilder pro Sekunde und auch kein 4K-Video schießen. Statt auf die Summierung von Spielereien und Annehmlichkeiten wie in der DSLR-Riege häufig vorkommend, gilt in der Königsklasse der digitalen Kameras nur die absolute Bildqualität. Und darauf ist jeder Pixel, jede Lötstelle und jede Leiterbahn ausgerichtet.

Die Pentax 645Z ist qualitativ (aufgrund der CMOS-Architektur) noch ein wenig von der Verkörperung der Perfektion etwa einer Phase One oder Hasselblad entfernt. Aber sie sprengt bereits jede DSLR aus der Stratosphäre und legt mit rund 12 Blendenstufen Dynamikumfang einen Traumrekord hin, der HDR-Aufnahmen eigentlich schon überflüssig macht.

Jetzt, wo ihr wisst, was eine qualitativ höchstwertige Kamera zu leisten imstande sein muss, werdet ihr euch vielleicht fragen: „Ja, was soll man da noch drauf packen?“ Lasst mich euch zur Antwort ein wenig die Augen anfeuchten:

Die ultimative Kamera

Wer hier regelmäßig mitliest, weiß, dass im DSLR-Bereich mit APS-C-Sensoren derzeit eine Auflösung von 20 bis 24 Megapixel Standard sind. Diese Kameras kommen auf etwa 3 bis 6 RAW-Bilder pro Sekunde und einen Dynamikumfang von maximal 10 Blendenstufen.

Ultimate-CameraMachen wir diesen Sensor jetzt mal einen Hauch größer, aber reduzieren die Auflösung auf 19 Megapixel, um mehr Lichtempfindlichkeit und ein besseres Rauschverhältnis herauszuholen. Jetzt behaupten wir mal, dass der Sensor einen völlig wahnwitzigen Dynamikumfang von mindestens 16,5 Blendenstufen beherrscht. Eine Zahl, die sogar analogen Film in den Schatten stellt und das Dynamikmonster Nikon D800 mit ihren 14,8 Blendenstufen mit Füßen tritt.
Stellen wir uns vor, dass ihr diese Bilder mit dem vollen Potential als RAW serviert bekommt. Und zwar nicht 3 bis 6 Stück – sondern bis zu 100 Stück. Pro Sekunde. Das sind „100 Chancen pro Sekunde, den perfekten Augenblick zu treffen“.

red-epic-dragonKlingt nach einer ziemlich traumhaften und ziemlich unwahrscheinlichen Kamera, oder? Nach etwas, für das man jede High-End APS-C-DSLR in die Tonne kloppen könnte, hm? Was, wenn ich euch sagen würde, dass man die 19 MP in gewissen Kreisen auch „6K“ nennt? Und dass ich nicht von einer Fotokamera, sondern von einer Videokamera gesprochen habe? Einer, die den Namen RED EPIC DRAGON trägt und kein Gedankenspiel ist, sondern vermutlich in wenigen Tagen auf der photokina zu sehen sein wird?

Ist eine krasse Ansage. Und vermutlich noch nicht einmal alles, denn der DRAGON-Sensor, den ich oben beschrieben habe, ist bereits bekannt. RED will auf der photokina allerdings noch Dinge vorstellen, die noch unbekannt sind.

Überhaupt fällt dabei auf, dass die Grenzen hier arg zu verschwimmen scheinen. RED, als Hersteller ultraperformanter Videokameras, auf einer Fotomesse? Die Beschreibung einer Videokamera, die fast jeder handelsüblichen DSLR überlegen ist? Ist die ultimative Kamera etwa eine Videokamera?

Ist das so unwahrscheinlich?

Ist Video „das nächste große Ding“ in der Fotografie?

canoneos70dCanon präsentierte in der EOS 70D erstmals eine sogenannte Dual-Pixel-CMOS-Technik, die es möglich macht, schneller und genauer scharfzustellen. Die passenden STM-Objektive verfügen über einen Stepper-Motor, der ebenfalls schneller und genauer reagieren kann. Damit hebt sich ein entscheidender Nachteil der DSLRs gegenüber Videokameras auf.

Full-HD-Video kann inzwischen jede Fotokamera, Panasonic rennt voran und stattet die GH4 mit extrem fortschrittlichen Videotechniken, 4K-Aufzeichnung und exorbitant hohem Datenoutput aus. Sony baut einen hyperempfindlichen Vollformatsensor in eine kompakte Fotokamera und ermöglicht ihr ebenfalls die 4K-Aufnahme. Die digitale Filmkamera Blackmagic Cinema zeichnet 2,5K in RAW-Einzeldateien auf und besitzt Bajonettanschlüsse für Canon EF, Zeiss- und alle MFT-Objektive aus der Fotobranche – und das für unter 2.000 Euro.

Ihr seht, was ich meine? Die (hochpreisigeren) Fotokameras bekommen immer mehr Fähigkeiten digitaler Filmkameras und die wiederum verleiben sich nach und nach alle Vorteile ein, die DSLRs ihnen gegenüber noch hatten. Die Schranken brechen ein und mit Geräten wie der RED EPIC DRAGON werden die Argumente weniger, für bestimmte Fotoshooting-Jobs nicht eine Videokamera zu nehmen.

Denn die 6K der Dragon reichen locker, um damit die Seite eines Modemagazins zu bedrucken:

Für das Shooting im Video hat die begnadete Annie Leibovitz die Schauspielerin Tina Fey tanzen lassen und dabei mit 30 fps aufgenommen. Anschließend hatte sie die Wahl, aus mehreren hundert, superscharfen RAW-Bildern das beste, lebendigste, dynamischste auszusuchen.

Sowas war bis vor einigen Jahren noch komplettes Wunschdenken.

Die Zukunft wird es zeigen

Ein Shooting für ein Modemagazin mag ein prestigeträchtiges Beispiel sein, aber lange nicht das einzige oder passendste. Man kann Bilder mit einer großartigen Dynamik einfangen, in denen viel Bewegung steckt. Ich könnte mir auch vorstellen, dass Videokameras irgendwann ihre Foto-Pendants in der Dokumentar- und Konfliktfotografie ersetzen. Oder in der Sportfotografie.

Ich bin schon sehr gespannt, was auf der kommenden photokina noch alles zu sehen sein wird, das ich noch nicht weiß. Ich bin sicher, es lässt sich ein Trend ablesen, wohin die Hersteller gehen wollen. Es gibt einige, die haben von REDs Vorstoß sicher noch keine Notiz genommen. Und es gibt andere Hersteller, die sehen ihre Kameras sicher nicht in Gefahr – denn sie bauen selbst Videogeräte.

Was ist mit euch? Haltet ihr das Szenario „High-End-Videokamera statt DSLR“ für denkbar? Oder totaler Bullshit? Und werdet ihr auch die photokina 2014 unsicher machen?

Mehr!

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4 Gedanken zu “Die ultimative Kamera

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