Hands on: Sigma dp2 Quattro

Sie ist der nächste Schritt, sie ist missverstanden und eine Kamera voller Diversität. Sigmas neueste Errungenschaft – die dp2 Quattro.

Warnung: Textwüste, Fazit ganz unten
Und ein Hinweis: Ergänzend zu diesem Artikel findet sich hier noch ein Vergleich des Bildeindrucks der Quattro mit dem der Nikon D800.

Zuerst einmal an die eine Hälfte von euch: ja wirklich, Sigma baut auch Kameras! Warum ihr von denen noch nicht gehört habt? Nun, weil sie nicht wahnsinnig verbreitet sind. Zu recht? Nunjaa – so kann man das nicht sagen….

Und nun für die andere Hälfte von euch: die dp2 Quattro ist da! Sigma nennt es den nächsten Schritt in der Evolution des Foveon-Sensors und ja, sie haben diese Kamera tatsächlich erst gebaut, nachdem sie ihn entscheidend verbessern konnten. Die Quattro trägt die neue Sensor-Generation nun als erste in sich und hat Aufsehen erregt.

Ich hatte den Prototypen bereits vor einigen Wochen in der Hand gehabt, nun ist das Ding jedoch final und es kann endlich darüber berichtet werden. Ich weiß gar nicht recht, wo ich anfangen soll: dem neuartigen Äußeren? Der Erklärung, was ein Foveon-Sensor eigentlich ist? Oder warum Sigma-Kameras nicht das beste sind, was man haben kann, sie aber dennoch monströs unterschätzt werden?

hands-on_sigma-dp2-quattro_showcase

Eindruck

hands-on_sigma-dp2-quattro_backNagut, lasst mich beim Auffälligsten beginnen, dem Äußeren. Es kribbelt mir vor Freude in den Augen, zu sehen, dass Sigma sich für ein auffälliges und einen Hauch gewagtes Design entschieden hat. Die dp2 Quattro trägt die Gene einer Kompaktkamera in sich (um es klar zu sagen: sie ist eine) aber sieht nicht ganz so aus. Da ist dieser wirklich wuchtige Griffwulst und darauf die Stellräder, die an SLR-Bedienung angelehnt sind. Die Vorderseite ist glatt gebügelt und wird von der fetten Optik dominiert, bei der es sich gar um eine Festbrennweite handelt.

Kurz: der Body ist schmal, der Griff ist fett und die Optik ist massiv. Insgesamt liegt diese edle Erscheinung aber sehr gut in der Hand. Noch besser, wenn man nicht fotografiert, denn man kommt mit einer Hand gut um den Körper herum. Einzig – sie ist mir einen Hauch zu breit.

Lasst mich noch ganz schnell etwas zum Foveon-Sensor sagen, für die, die nichts damit anfangen können (alle anderen überspringen diesen Absatz). Praktisch jeder digitale Bildsensor, der heutzutage in Foto- und Filmkameras oder Handys verbaut ist, hat die gleiche Architektur: auf einer Ebene sind Abermillionen von Fotodioden nebeneinander angeordnet. Eigentlich können die gar keine Farben erkennen, aber dank des Bayer-Arrays davor, kriegen sie beigebracht, was Farben sind. Ein Problem bleibt: jede Fotodiode kann nur eine Farbe auf einmal erkennen – Rot oder Grün oder Blau. Ist sich eine Fotodiode vollkommen sicher, dass sie Grün gesehen hat, die neben ihr aber nicht, so geht der Prozessor der Kamera davon aus, dass die daneben auch Grün gesehen hat – so entsteht nach und nach ein Foto.

hands-on_sigma-dp2-quattro_leftDer Foveon-Sensor ist im Umgang mit Farben das, was eigentlich jeder andere Sensor sein will: zu 100 Prozent Farbecht. Denn Bestandteil seiner Architektur sind Pixel nicht nur auf einer Ebene, sondern gleich drei! Wie bei einem Parkhaus – nur, dass die unteren beiden Stockwerke in eine Silikonschicht eingelassen sind. Das beste daran ist, dass jeder Pixel sich nur um eine Farbe kümmern muss – Blau wird von der ersten Schicht erfasst, Grün dringt tiefer ein bis zur zweiten und Rot reicht bis hinunter auf die dritte Ebene. Kein Pixel muss nach seiner Farbe gefragt und der Nebenmann erraten werden, denn jeder von ihnen weiß genau, welche Farbe er gesehen hat. Der Foveon-Sensor erfasst damit 100 Prozent Farbinformationen und unter anderem aufgrund überflüssiger Berechnungsalgorithmen braucht er auch keinen Tiefpassfilter, der die Schärfe vermindern würde – noch ein Vorteil.

Das ganze gibt es schon einige Jahre und ist nicht soo neu. Was Sigma für die dp2 Quattro daran getan hat ist in erster Linie, die Auflösung zu erhöhen. Dazu hat man sich einen cleveren Trick einfallen lassen und die Pixel (nur) der obersten Schicht verkleinert und in der Anzahl vervierfacht. Der Foveon-Sensor besitzt demnach eine Auflösung von rund 5 MP auf der roten, 5 MP auf der grünen und 20 MP auf der blauen Schicht – insgesamt knapp 33 MP (rechnerisch). Von den Pixel-Abmessungen des Fotos ausgehend, hat ein Bild aber „nur“ die Auflösung der obersten Schicht – etwa 20 MP, bzw. 5.424 x 3.616 Pixel.

Im Grunde genommen ziemlich irre. Eine völlig neue Herangehensweise an die elektronische Bilderfassung. Da fragt man sich, warum nicht diese Sensorarchitektur den Markt dominiert, oder?

Eigenschaften

Ich will diesen Artikel nicht noch weiter aufblähen, die technischen Daten kann man sich hier einverleiben. Als wichtigstes sei gesagt: auch wenn sie nicht so aussieht, die dp2 Quattro ist eine Kompaktkamera. Und das auch noch mit Festbrennweite!

Viele denken, das ist altertümlich aber ich habe mir persönlich von Sigma erklären lassen, warum man das dort nicht denkt. Der Grund ist einfach – die dp2 Quattro (auch die Vorgängermodelle) sind in jedem Detail aufeinander abgestimmt. Der Sensor, der Prozessor, die Signalverarbeitung, die Optik und die Korrekturalgorithmen, die Stromversorgung bis hin zum Abstand des Sensors zur Linsenkonstruktion. Das alles soll eine Einheit bilden, um die maximale Performance heraus zu holen.

hands-on_sigma-dp2-quattro_front-2

Das ist auch der Grund, warum die dp2 Quattro nur die erste von drei Kameras ist. Je nachdem, was der Fotograf bevorzugt, wird es Modelle mit drei verschiedenen (Fest-)brennweiten geben: eins mit 28 Millimeter, eins mit 75 Millimeter und das hier besprochene mit 45 Millimetern entsprechend dem Kleinbildformat. Der Fotograf muss sich also entscheiden, mit welcher Brennweite er am liebsten fotografieren möchte. Oder naja, eben nicht und kauft alle drei…

Ich schrieb oben schon, dass die Quattro sehr gut in der Hand liegt, auch wenn die Gewichtsverteilung etwas ungewohnt erscheint. Etwas sparsam fällt die Beschriftung aus – die Köpfe auf der Rückseite kann man alle erraten, den Rädern oben fehlt jedoch fast gänzlich die Beschriftung. Ist ungewohnt, aber es sei verraten: es handelt sich um die SLR-Pendants des vorderen und hinteren Einstellrads. Im vorderen verbirgt sich auch der Auslöser. Sehr angenehm fällt noch der Blitzschuh auf, etwas umständlich ist manchmal das Umschalten zwischen den Aufnahmemodi. Drücken, wählen, Rad drehen, bestätigen oder nicht? Hm, … ach, hat sie schon gemacht, gut.

Performance

Jetzt kommen wir zu dem Punkt, an dem ich erkläre, warum die Foveon-Kameras monströs unterschätzt werden.

Wenn man die Kamera richtig einsetzt, dann bläst die Bildqualität jedem Kompaktknipser, jedem CSC-Spielkind und jedem APS-C-SLR-Fummler die Kopfhaut weg. Punkt.

Das Ding ist so scharf, dass es einem die Netzhaut zerschnippelt und im richtigen Licht wirken Motive so plastisch als könne man sie fast anfassen. Das hat fast schon die Qualität eines Mittelformatsensors, ist mir bei sehr detailreichen Motiven aber auch schon etwas zu scharf. An dieser Stelle sei gesagt: ich würde mir die Quattro nicht kaufen, aber ich bin neidisch auf ihren Sensor. Wer Bilder mit ihr in RAW schießt und sie dann mit dem Sigma-Konverter (der furchtbar zu bedienen ist) entwickelt, wird kaum etwas erkennen können, weil er vor Lachen weinend vor dem Monitor sitzt.

hands-on_sigma-dp2-quattro_top

Kommen wir zu den Schattenseiten, die ebenfalls dem Sensor geschuldet sind. Die dp2 Quattro frisst Strom wie ein Kamel Wasser säuft, nachdem es zwei Wochen durch die Wüste geeiert ist. Die Kamera ist unersättlich, aber nicht ganz so hungrig wie die Vorgängermodelle. Mit einer Akkuladung kommt man durchaus weiter als zuvor, aber eine 8-GB-Speicherkarte bekommt man bei intensiver Nutzung nur schwer voll. Das liegt einfach daran, dass das Auslesen des Sensors so aufwändig ist und das gilt leider auch für den Speichervorgang. Zwar ist die Verschlusszeit mit 1/2.000 Sekunde Maximum erfreulich flott, aber viele Serienaufnahmen bekommt man nicht in Reihe – dafür dauert das Speichern zu lange. Immerhin schaufelt sie pro RAW-Bild rund 50 MB auf den Datenträger.

Für Schnappschüsse taugt sie eingeschränkt dennoch, denn das Fokussieren geht flott und sicher von der Hand. Auch das Bedienkonzept ist logisch und man erreicht schnell all das, was wichtig ist.

Ach ja – auch ein großer Kritikpunkt war das Rauschverhalten der Vorgängermodelle, denn der Foveon-Sensor neigt stärker zum Rauschen als andere Modelle. Auch hier hat Sigma verbessert, bietet jetzt eine Einstellung bis ISO 6.400 und hat das relativ gut unter Kontrolle. Ins Maximum würde ich dennoch nur unter Zwang gehen.

Was mir gar nicht gefällt (aber vielleicht habe ich die entsprechende Einstellung nur nicht gefunden): der Kamera fehlt ja der optische Sucher. Man nutzt also den LCD mit Live-View. Der zeigt aber genau das an, wie die Kamera eingestellt ist. Befindet man sich also im Studio, hat eine sehr kurze Verschlusszeit eingestellt und bis auf die Einstelllichter ist alles dunkel – sieht man gar nichts. Nada. Denn die Verschlusszeit ist ja zu kurz, um das Bild ausreichend zu belichten. Bissl ärgerlich. Aber wie gesagt, vielleicht hab ich den Umschalter zwischen Preview und Live-View auch nicht gefunden.

Fazit

Wer von der Warnung oben hier runter gescrollt hat: lest den Rest des Artikels! :)
Meine Meinung zur Kamera: Ich bin so hin und hergerissen. Die Sigma dp2 Quattro ist ein besonderes Gerät und sollte nicht mit anderen Kompaktkameras verglichen werden. Sie steht außerhalb eines solchen Vergleichs.

Ihr Durchhaltevermögen, ihre Kompaktheit und ihre Geschwindigkeit reichen nicht an die Urlaubsknipsen anderer Hersteller heran. Aber das ist sie auch nicht. Sie ist die Wahl für Fotografen, die bewusst fotografieren und unersättlich sind nach Farben und Bilddetails. Denn die Qualität der Fotos ist praktisch über alle Zweifel erhaben und wird Neulingen die Augen öffnen.

Wenn es Sigma in Zukunft über irgendeinen Trick schafft, die Performance moderner Kameras mit der Bildqualität eines Foveon-Sensors zu verbinden, dann dürfte das ein absoluter Gamechanger sein, der die Konkurrenz vom Boden aufwischt.

hands-on_sigma-dp2-quattro_tree

Kleiner Hinweis: Weil ich mich hier so kurz fassen musste, wird es am Freitag noch einen kleinen Nachtrag geben.

Update: Eine vergleichende Betrachtung findet sich hier: Sigma dp2 Quattro vs. Nikon D800

Mehr!

  • Die Bilder oben in Originalauflösung kann man sich hier anschauen.
  • Weitere voll aufgelöste Bilder zu meinen Hands On-Berichten sind hier zu finden.
  • Mehr Hands on-Berichte selbst zu verschiedensten Kameras und Objektiven gibt es hier.
  • Mehr mworkz.portfolio
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11 Gedanken zu “Hands on: Sigma dp2 Quattro

  1. Also die Farben und Details auf Deinen Bildern sind beeindruckend. Der Bildeindruck gefällt mir und ich hätte jetzt nach Deinem Eintrag echt Lust das Teil mal zu testen. Ich würde allerdings die 45er Version bevorzugen :-)

    1. Das wäre oben vielleicht noch interessant gewesen – die Bilder sind mit der Standard-RAW-Konvertierung aus dem Sigma-Konverter in 8-bit-TIF konvertiert. Hier erscheinen sie bereits ultrascharf, aber farblich noch recht matt.

      Dann rein ins Lightroom und Standard-Korrekturen drüber. Führte in den meisten Fällen zu zuviel Sättigung (typisch TIF), die ich dann minimal zurück gefahren habe. Mehr ist nicht dran gemacht.

      Das Teil mal zu testen (wenn das irgendwo geht), kann ich echt nur empfehlen. Ist vielleicht nicht das praktischste Gerät, aber die Fotos sind etwas, das die meisten Fotografen nur ganz selten produzieren.

      Am Freitag schiebe ich noch was nach, das noch mehr über den Bildeindruck verrät.

      Gruß, ml

    1. Stimmt, danke Titus! Sigma legt sich wirklich ins Zeug, damit Fotografen das Gerät kennen lernen können. Es gibt auch einen Lesertest und solche Geschichten.
      Ich drücke da Sigma auf jeden Fall die Daumen, den Foveon-Sensor noch populärer zu machen.

      Gruß, ml

  2. was mir nicht ganz einleuchten mag. Man sieht sehr viele Bilder der Sigma´s und noch mehr Kommentare über die hervorragende Auflösung. Die meisten Beispiele sind jedoch ohne Stativ geschossen so das von der tatsächlichen Qualität nur ein Bruchteil überbleibt. Wenn man die Qualität eines Systems zeigen möchten frage ich mich, warum macht das??

    Gruß ExDreamFoto

    1. Hallo ExDreamFoto!

      Naja, dass ohne Stativ nur ein Bruchteil der Bildqualität erreicht werden kann, würde ich nicht einfach so unterschreiben. Denn dann hätte die Fotoindustrie ein gigantisches Problem, seine Kameras loszuwerden. :)

      Und die dp2 Quattro ist auch noch kein hochauflösendes Mittelformatsystem mit gewaltigem Schwingspiegel – um damit das Nonplusultra etwa bei der Produktfotografie herauszuholen, ist ein Stativeinsatz dann schon empfehlenswert.

      Davon abgesehen scheuen sich immer noch viele Fotografen, ein Stativ einzusetzen, weil sie zu faul zum Mitschleppen sind. Geht mir oftmals nicht anders. Wobei bei mir erschwerend hinzu kommt, dass ich manchmal nur einen Tag oder ein paar Stunden mit einem Gerät unterwegs sein kann.

      Aber ich verstehe schon, was du meinst. Wirf einen Blick in diesen Artikel hier: http://wp.me/p1Dxv-3xR Dort hatte ich die dp2q auf einem Stativ. :)

      Gruß, ml

      1. Hallo,

        danke, den Bericht hatte ich auch gelesen und man sieht auch sehr schön das die restlichen 10% dort auch noch vorhanden sind. Ein Bruchteil können ja auch 9/10 sein ;-)

        Mir war nur aufgefallen das die meisten Beispiele oben die von Sigma gewohnte End-Schärfe vermissen lassen, eben wie aus der Hand fotografiert. Im normalen Leben durchaus normal, bei einer Rezension jedoch überlegenswert.

        Nichts desto trotz, Respekt für Deine Mühe. Da ich auch solche Dinge mache, weiß ich wieviel Arbeit das ist.

        :-) ExDreamFoto

      2. Hehe, stimmt. „Der Rest“ ist vermutlich irgendwo relativ und hängt natürlich nicht zuletzt von dem Aufwand ab, den man bereit ist zu leisten.

        „Im normalen Leben durchaus normal“ ist ein wichtiger Aspekt des Artikels oben. Ich kenne auch den Labortest und die knallharten Bedingungen, unter denen die Kamera getestet wurde. Das ist aber nicht der Aspekt, den ich hier hervorkehren wollte. Sigma baut mit der dp2 eine Kamera, die von den Leuten überall hin mitgenommen und eingesetzt werden soll. Darum muss sie sich im Alltag bewähren und zeigen, was man „so eben nebenbei“ mitnehmen kann.

        In meinen „Hands on“-Artikeln möchte ich auch mehr auf das Gefühl mit dem neuen Modell eingehen, denn auf knüppelharte Fakten und technische Auseinandersetzungen. Das gibt es auch woanders.

        Danke aber auf jeden Fall für deine Kritik und auch das Lob. Freut mich, wenn jemand den Aufwand kennt und zu schätzen weiß. Ich versuche, jede Woche den Leuten hier einen Einblick in neue Hardware zu geben.

        Gruß, ml

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