Schwarzweiß verstehen, Teil 3

Der dritte und letzte Teil meiner Artikelreihe “Schwarzweiß verstehen”. Bisher ging es um die Ingredienzen guter Schwarzweißbilder. Heute schauen wir uns (menschliche) Beispiele an. #learnphotography

Bereits in der Ankündigung dieser Artikelreihe habe ich auf das „Problem“ hingewiesen, dass viele Fotografen unentschlossen sind, ob ein bestimmtes Bild in Farbe oder Schwarzweiß besser wirkt. Die knappe Antwort: wenn das Bild auch ohne Farbe eine Aussage hat, dann ist es ein Schwarzweißbild. Wenn euch diese Aussage, dieser Bildeindruck in Schwarzweiß sogar noch deutlicher in den Kopf knallt, dann vergesst die farbige Variante. Mit welchen Mitteln man das hinkriegt, habt ihr in den ersten beiden Beiträgen dieser Reihe gelesen.

Schauen wir uns nochmal zum Schluss ein paar Beispiele an. Davon könnte man unzählige wählen, aus allen Bereichen der Fotografie. Ich hätte auch gern ein paar Bilder von anderen Bloggern hier zusammengesammelt, bei denen die Fotografen unsicher waren, aber ich möchte nur meine Meinung teilen und nicht den Eindruck erwecken, als hätte ich die Weisheit mit Löffeln gefressen und könnte über jedes Bild urteilen.

Darum bekommt ihr Beispiele aus meiner eigenen Arbeit zu sehen, die ich bewusst nach all der Grütze komponiert habe, von der ich euch bisher berichtet habe. Ihr könnt ja selbst entscheiden, ob es was gebracht hat. :)
Und es sind nicht X-beliebige Beispiele, sondern sie stammen aus einem Bereich, für den eigentlich sehr gern Schwarzweiß herangezogen wird: der Menschenfotografie.

Körper

(Jetzt bekommt ihr einen exklusiven Blick in die Vorher-Bilder einiger meiner Modelfotos… Also nicht lachen!)

Bis hierhin ist euch vielleicht etwas aufgefallen. Die Spielbälle der Schwarzweißfotografie: Licht und Schatten, hell und dunkel, könnt ihr einsetzen, um zu modellieren. Klingt erstmal ein wenig kompliziert, ist aber sehr einfach zu verstehen. Denkt einfach an Scherenschnitt. Wodurch zeichnet sich denn ein freigstelltes Bildelement aus? Durch die klare Abgrenzung. Das schafft man kaum einfacher als mit dem Hell-Dunkel-Kontrast. Schwarz ist das eine, weiß das andere.

Wer meine Fotografie kennt, weiß, dass ich genau dies bei vielen meiner Modelfotos mache. Ich nutze Lichter und Schatten, um Posen und Models zu gestalten. Wenn ihr euch die Bilder unten anschaut, werdet ihr auch feststellen, dass bereits die Arbeitsaufnahmen sehr farbarm sind. Denn schon beim Shooting habe ich mit einfachen Farbflächen, Linien und Formen gespielt. Mit all dem, über das ich euch oben schon berichtet habe.

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Das Bild von der hübschen Angie zum Beispiel. Die Farbvariante erinnert fast noch an ein leidenschaftsloses Bewerbungsfoto oder eine anatomische Körperstudie. Mein Blick verliert sich in Details, versucht, die Kopfform zu rekonstruieren und – das ist Psychologie – er wird immer wieder von den Augen angezogen.
Die Schwarzweißvariante? Pure Ästhetik. Das rechte Bild besteht nur noch aus Symmetrie, Formen und Flächen. Allein mit dem Spiel von Licht und Schatten wurden die Schultern gezeichnet und das Schlüsselbein modelliert. Seht ihr die Lichtstreifen links und rechts vom Kinn? Haben erst keine Rolle gespielt – in der Schwarzweißversion sind sie elementar um das Gesicht, sogar den ganzen Kopf zu modellieren.

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Hier seht ihr das Ausgangsmaterial für mein “man without eyes”-Shooting. Schwarzweiß war hier von Anfang an eingeplant und darauf ist auch das Setting ausgelegt. Dunkler Anzug und ein weißes Hemd samt Krawatte – keine Farben, nur Kontraste. Die Sonnenbrille, die viel Spiegelfläche hat und darauf Muster abbildet und die Waffe, deren Art absolut keine Rolle spielt. Lediglich als Waffe muss sie erkennbar sein und beginnt allein durch ihre Anwesenheit damit, dass das Bild eine Geschichte erzählt.

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Und eine Kostprobe aus einem Modelshoot mit der schönen Steph. Auch hier habe ich das Shooting als Gegenlichtaufnahmen konzipiert, das es zu einem Kinderspiel macht, es in wirkungsvolles Schwarzweiß zu konvertieren. Schon an der Pose sieht man, dass es mir darum ging, ein möglichst wirkungsvolles Spiel von Licht und Schatten aufzubauen. Denn so wird man nach dem Verlust der Farben den Körper erkennen.
Hinzu kommt, dass man Nuancen stärker herausarbeiten und den Körper so noch mehr modellieren kann.

Gesichter

Und natürlich wird Schwarzweiß auch immer wieder gerne genommen, um Gesichter zu betonen (oder sie steinalt zu machen).

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In der Street Photography funktioniert Schwarzweiß oft sehr gut. Denn ohne den ganzen bunten Mischmasch drumherum fällt es dem Betrachter eines monochromen Bilds viel leichter, das Bild zu analysieren und Gesichter zu identifizieren.

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Wie gesagt wird Schwarzweiß auch gern eingesetzt, um einem Gesicht “mehr Charakter” zu verleihen. Heißt eigentlich nur, dass man die Kontraste dermaßen betont, bis man verbraucht und krank aussieht. Bei manchen Gesichtern kann das wirken, bei anderen ist es fehl am platz und meistens wird es einfach nur übertrieben.

Gut kommt es also, wenn man es nicht übertreibt und die Betonung der Kontraste in Maßen einsetzt. Charakteristische Gesichtsformen sollen betont, nicht jede Hautpore mit schwarzem Teer aufgefüllt werden. Falten dürfen auftauchen, sollen aber nicht dem Marianengraben Konkurrenz machen.

Tip für Fortgeschrittene: Künstlerisch und wirkungsvoll ist es auch, wenn das Bild selbst auf Schwarzweiß abgestimmt ist wie im Beispiel oben. Die Kleidung spielt mit der Geometrie des Bilds, achtet mal drauf. In der oberen Hälfte habt ihr von links nach rechts: hell/dunkel/hell. Und in der unteren Hälfte genau das Gegenteil. Das ist extrem subjektiv und fällt kaum auf, macht aber eine gute Komposition aus. Und in der Farbvariante geht das Konzept völlig flöten.

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Was seht ihr links? Ein seltsam angeschnittenes Gesicht, bei dem sich die Farbe nicht definieren lässt und das Auge irgendwie flau wirkt. Und rechts? Eine halbe Sekunde und die volle Erkenntnis: ein Gesicht, nach oben gewandt und ein glasklar lebendiges Auge. Man kann sogar den Lichteinfall besser bestimmen und das Gesicht ist deutlicher vom Rest des Kopfs abgesetzt.

Am effektivsten ist es, wenn der Schwarzweiß-Look die Geschichte erst lebendig macht, die man erzählen will. Wenn ihr das Spiel mit Licht und Schatten beherrscht, dann werdet ihr eure Umgebung in Formen und Flächen wahrnehmen und als Fotograf danach gestalten. Dann werdet ihr anfangen, zu komponieren und eure gesamte Fotografie wird davon profitieren.

Fazit

Farben hin oder her, warum “Schwarzweiß verstehen” in der Fotografie eine Rolle spielt, werdet ihr merken, wenn ihr die Bedeutung des Wortes „Fotografie“ nachlest:

Denn “Fotografie” kommt aus dem griechischen und ist zusammen gesetzt aus “phos” (Licht/Helligkeit) und “graphein” (malen). Bedeutet also “mit Licht malen”.

Denn mehr braucht ihr dazu nicht, um eine schwarzweiße Komposition zu vollenden. Malt, was ihr seht und nicht das, was da ist. Fotografiert keinen Flughafen, wenn ihr die Spitze eines Flügels inszenieren wollt. Führt euer Publikum mit Formen und gebt ihnen mit Musters etwas leckeres zu futtern. Und ganz wichtig: lernt, Kontraste zu sehen. Dort, wo hell und dunkel aufeinander treffen – dort ist euer Schwarzweißfoto.

Ich wünsche euch einen eleganten Pinselschwung und hoffe, euch hat mein Bericht gefallen oder vielleicht etwas Neues aufzeigen können. Oder seid ihr euch nach wie vor unsicher, habt noch Tipps oder Fragen, die ich nicht angeschnitten habe? Hättet ihr Bock darauf, Feedback zu sammeln und die Bilder mal von anderen beurteilen zu lassen? Schreibts bitte in die Kommentare – vielleicht kriegen wir da was schönes hin. :)

Mehr!

  • Alle Artikel zu diesem Thema hier.
  • Weitere, ausführliche Artikel rund um das Thema „Fotografie lernen“ findet ihr hier.
  • Schnelle Tipps und Hinweise habe ich hier zusammmengetragen.
  • Ob ich nur Mist erzähle oder doch ein wenig Ahnung von Schwarzweißfotografie habe, könnt ihr selbst beurteilen.
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4 Gedanken zu “Schwarzweiß verstehen, Teil 3

  1. Schöner Artikel. Mit Portrait und Studio bin ich ja weniger bewandert, aber der Wechsel hell-dunkel-hell und andersrum, ist schon ein guter Tipp. Auch der Vergleich der Originale mit den nachbearbeitenden Fotos.

    1. Hi auto!

      Freut mich, dass du trotzdem was rausziehen konntest. Ich will ja von nichts daherreden, wovon ich wirklich keine Ahnung habe. Bei der Studioarbeit kenne ich mich immerhin ein wenig aus. :)

      Das hell-dunkel-hell-Ding ist ein extrem unauffälliges Stilmittel. So unauffällig, dass es etwas in uns reizt, ohne dass wir erklären können, warum. Darum gefällt es mir so gut.

      Gruß, ml

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