Schwarzweiß verstehen, Teil 2

Der zweite Teil meiner Artikelreihe “Schwarzweiß verstehen”. Im ersten Beitrag dazu ging es um Details und Tiefe. Aber was muss in einem Foto drin sein, damit es monochrom gut wirkt? #learnphotography

Jeder von uns hat schon einmal ein traumhaft mit bunten Blumen übersätes Feld gesehen, das mit herrlichen Farben den Blick in Wallung versetzt. Im letzten Teil dieser Reihe haben wir festgestellt, dass dies in Schwarzweiß kaum funktionieren würde. Denn ein „gutes“ Schwarzweißbild kommt fast immer mit wenig Details aus und darf nicht zu flach wirken.

Und was noch?

Kontraste

understanding-bw_contrast_001Eines wird klar: Schwarzweiß wirkt durch den Einsatz von Kontrasten. Ist ja auch klar, denn ohne die Gegenwart von Farben gibt es nur den Kontrast zwischen hell und dunkel (bzw. deren Nuancen). Und das sollte man sich zunutze machen. Gibt es ein Foto, das von starken Kontrasten lebt, dann funktioniert es eventuell noch besser in Schwarzweiß. Das Bild vom angeschnitten Riesenrad zum Beispiel (wohlgemerkt angeschnitten, nicht komplett = Reduktion).
Es lebt von dem Freistellungseffekt vor dem gleichmäßigen Himmel und den Mustern, die das Gestänge bildet. Eine glasklar strukturierte Aufnahme, die als “Twist” eine nicht alltägliche Komposition zeigt. Farben? Spielen dabei überhaupt keine Rolle. Blaue, gelbe oder rote Gondeln machen das Foto nicht aus. Und unruhig bunte Lämpchen würden vielleicht sogar von dem eigentlich wesentlichen des Motivs ablenken. understanding-bw_contrast_002 Genau wie die Aufnahme dieses Modells aus dem Mercedes-Benz-Museum. Die Perspektive und die Inszenierung mithilfe des Hintergrunds dienen nur einem Zweck: das Modell klar darzustellen und freizustellen. Das ist die Bildaussage. Und das Motiv kann binnen Sekundenbruchteilen erfasst werden. Farbe würde diesen Prozess nur verlangsamen und nichts weiter beitragen.

Muster

Gerade das letzte Bildbeispiel zeigt, wie stark simple Formen durch Schwarzweiß gewinnen können. Ein typisches “Opfer” für monochrome Bilder sind also solche mit starken grafischen Elementen. Solche, die sich auf Formen oder Muster konzentrieren. understanding-bw_patterns-comparison_001 Während die bunte Variante links schon stark mit den Linien im Motiv spielt und eindeutig ist, auf was das Foto abzielen soll, holt man in Schwarzweiß nochmal einen Kick mehr raus. Denn so wird die Bildaussage unverkennbar und das rein grafische an dem Motiv macht es zu einem kleinen Teil schon künstlerisch. understanding-bw_patterns-comparison_002 Die Schwarzweiß-Wandlung von “floating” macht nochmal deutlicher, wie stark man eine Bildaussage durch das Weglassen von Farben konzentrieren kann. Die farbige Version nutzt die Linien nur dazu, den Blick des Betrachters ins Bild zu holen – die Farben in den homogenen Tönen beruhigen den Betrachter. Die Schwarzweiß-Version jedoch killt sämtliche Erwägungen und Gefühle bezüglich der Farbe, der Tageszeit oder des Lichts und lenkt die Aufmerksamkeit einzig und allein auf die Linien und deren Sogwirkung in ihren Mittelpunkt.understanding-bw_patterns-comparison_003 Und noch eine Variante. Die farbige Version links des Gitters wirkt fast langweilig – das übliche Publikum bzw. ungeschulte Betrachter (keine Behauptung, sondern Erfahrung) weiß mit dem Bild gar nichts anzufangen und kann sich nicht vorstellen, warum ich das Motiv gesehen und abgelichtet habe. Die Schwarzweiß-Version jedoch kippt die farbigen Altlasten über Bord und kehrt die Formen raus. Plötzlich fällt das Wechselspiel der strengen aufrechten Linien gegenüber den gedämpften waagerechten ins Auge und der Blick gleitet leichter und schneller durchs Bild.

Fotografiert Muster!

Direkt ein Tipp dazu: Probiert das unbedingt aus und fotografiert jedes Muster, das euch ins Auge fällt. Lernt, grafisch zu sehen, das wird euch in der Fotografie enorm nach vorne bringen. Sobald ihr mehr Strukturen in euren Fotos habt, werden Betrachter davon gefesselt sein, ohne, dass sie genau wissen, warum. Und für die Schwarzweißfotografie ist das ebenso wertvoll. Nämlich dann, wenn ihr Muster und Formen kombiniert.

Formen

Was haben wir bis hierher gelernt? Für Schwarzweißbilder spielen Kontraste, Hell und Dunkel, eine essentielle Rolle. Farben dürfen für die Bildaussage keine Rolle spielen und es darf kein Verlust sein, sie wegzulassen. understanding-bw_forms-comparison_001 Der Mann am Geländer ist ein tolles Beispiel. In Farbe vermittelt das Bild eine gewisse Herbstlichkeit. Interessant ist dabei aber auch, wie schön sich die Figur gegen alles andere abhebt – und darauf kam es mir beim fotografieren auch an. Also schmeiße ich die Farben weg und wandle das in Schwarzweiß.
Jetzt passiert etwas ganz tolles: Der Mann hebt sich total vom Rest ab – der Hintergrund, die Umgebung, die Zeit und der Ort werden komplett nebensächlich. Einzig und allein die separierte Person wird Kern der Bildaussage. Es geht sogar noch weiter: Werft mal einen Blick auf das Geländer. Obwohl es auch in Farbe schon hell ist, zieht es sich in schwarzweiß noch mehr zurück und wird fast Teil des Hintergrunds. Außerdem ist die Komposition ausgewogener. Die Farb-Variante zieht den Blick des Betrachters wie ein Magnet nach links, denn dort sind Rot- und Orangetöne. Dann hüft er wieder auf die Person, denn sie hebt sich so deutlich ab. In der Schwarzweißvariante geht es nur um die Person und wie ganz von selbst leiten die dunklen Äste, die gen Mann streben den Blick zu ihm hin. Verrückt oder? understanding-bw_forms-comparison_002 Das Foto von dem Paar eignet sich ebenfalls sehr gut für ein Schwarzweißmotiv. Denn – ich predige es erneut – Farben spielen dabei gar keine wesentliche Rolle. Die Bildaussage besteht in der Isolation eines Paares im fortgeschrittenen Alter. Das, und praktisch nur das, sieht der Betrachter in der Schwarzweißvariante. Jedoch – und auch das ist euch nicht entgangen – spielt das Motiv von vornherein eine Rolle. Obwohl in Farbe, ist es im Kopf bereits als Schwarzweiß fotografiert und kombiniert worden. Ein Mülleimer im Bild, andere Personen auf der Wiese oder der Horizont im Foto hätten das Motiv zerstört. understanding-bw_forms-comparison_003 Die Laterne gibt nochmal ein schönes Beispiel, wie man Schwarzweiß einsetzen kann, um Bildelemente zu separieren. Auch dies ein sehr grafisches Motiv. Es verbindet Linien bzw. Muster zu Formen, holt seinen Reiz aus klarer Geometrie und einem enorm gleichmäßigen Hintergrund, der quasi zu einer Leinwand wird.

Formen und Muster

Formen und Muster kann man natürlich auch kombinieren, um einen besonderen Bildeindruck hervorzurufen. Das ist aber relativ schwierig, denn es erfordert geeignete Motive und ein geschultes Auge. Wenn ihr erstmal darauf geeicht seid, Motive zu erkennen, über die ich oben geschrieben habe, dann werdet ihr anders sehen und aus vermeintlich überflüssigen Schnappschüssen interessante Motive machen. understanding-bw_patterns-and-separation-comparison_001

Fazit

So langsam kristallisiert sich heraus: Schwarzweißfotografie hat viel mit Psychologie und Physik zu tun. Moment, was? Das kristallisiert sich nicht heraus? Okay, dann anders….

Mit meinen „Digital Art„-Werken habe ich oft ein Problem der Anerkennung. Ein scheißromantisches Foto eines x-beliebigen Sonnenuntergangs erntet immer mehr Aufmerksamkeit in einem Netzwerk-Stream oder Wettbewerb als eines dieser Bilder. Warum? Weil sie zuviel Aufmerksamkeit verlangen. Sie brechen mit Sehgewohnheiten, transportieren eine Aussage, die sich erst nach und nach erschließt und verlangen danach, sich mit ihnen zu beschäftigen.

Dieses Wissen kann man sich für gute Schwarzweißaufnahmen zunutze machen, denn in diesem Metier bleibt einem Fotografen nicht viel, um ein Bild wirksam zu gestalten. Er muss dem Auge eines Betrachters schmeicheln, seinen Blick schnell und leicht belohnen. Er muss ihn durch das Bild führen, keine Spielchen mit ihm spielen und die Bildaussage auf den Punkt bringen.

Dazu hilft es, Kontraste zu erkennen und einzusetzen. Und es hilft eine klare Bildgestaltung ohne jeden Ballast. Um die zu erreichen, nutzt ihr Muster und Formen. Teilt die Welt ein, zieht Linien, fotografiert Fliesen oder Fenster oder Dächer. Und dann lasst ihr die Betrachter dieser Bilder darüber tanzen.

Im nächsten und letzten Teil werde ich nochmal richtig konkret und wir schauen uns Beispiele zu „Körper“ und „Gesichter“ an.

Mehr!

  • Alle Artikel zu diesem Thema hier.
  • Weitere, ausführliche Artikel rund um das Thema „Fotografie lernen“ findet ihr hier.
  • Schnelle Tipps und Hinweise habe ich hier zusammmengetragen.
  • Ob ich nur Mist erzähle oder doch ein wenig Ahnung von Schwarzweißfotografie habe, könnt ihr selbst beurteilen.
Advertisements

8 Gedanken zu “Schwarzweiß verstehen, Teil 2

    1. Ach je, ich habe mich nie als Person gesehen, die anderen etwas beibringen kann. Dafür weiß ich selbst viel zu wenig. Aber nach zehntausenden gesehenen Bildern, einer veränderten Wahrnehmung und einem guten Schuss Selbstkritik weiß ich das ein oder andere zu berichten. :)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s