Hands on: Panasonic GH4

Die GH4: (K)eine Kamera für Filmographen!?

Die GH-Serie hat sich im Laufe der Jahre nicht nur zum Flaggschiff der Panasonic-Kamerasparte gemausert, sondern ihre Modelle sind auch immer wieder die am spannendsten erwarteten. Und das, obwohl vermutlich viele Foto-Begeisterte gar nichts damit anzufangen wissen. Wie kann das sein?

Das ist eigentlich ganz einfach. Zum einen sind die GH-Kameras spiegellose Systemkameras – von denen sind viele noch nicht in den Köpfen langjähriger Fotografen angekommen. Zum anderen sind sie Fotokameras, die vor allem für Filmer interessant sind. Denn ehemals innovative Features wurden nach und nach ausgebaut. Bis hin zur aktuellen Inkarnation: der GH4, der ersten Fotokamera, die lupenreines 4k filmen kann.

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Eindruck

panasonic-gh4-rearErstmal ist die neue Panasonic nicht besonders eindrucksvoll. Irgendwie ein bisschen geditscht (ja, das ist ein Fachausdruck) und dann hat sie da so einen derbe großen Knubbel (Hauptwahlrad) oben drauf. Wahnsinnig sexy ist das nicht. Aber sie ist etwa so kompakt wie handliche SLRs und bringt nur 270 Gramm auf die Waage, bevor sie was gegessen hat.

Hat man sie einen Moment in der Hand, wird die Kamera spannender. Zwei Wahlräder obenauf und zwei zusätzliche rechts im Gehäuse vermitteln SLR-Feeling. Das Steuerfeld an der Rückseite ist von einem drehbaren Ring umgeben, den Canon-Nutzer kennen und Nikonianer vermissen (auch, wenn sie es nie zugeben würden). Auffällig sind diese nichtssagenden „Fn“-Tasten. Davon kleben fünf Stück über den Body verteilt an der Kamera. Es handelt sich um frei programmierbare Tasten, die vom Fotografen (fast) wahllos mit Funktionen belegt werden können. Sehr professionell, nett.

Nett sind auch Sucher und Monitor. Erster ist elektronisch und mit 2,3 Mio. Bildpunkten lecker hochauflösend, zweiter ist dreh-, klapp-, schwenk-, brech- und berührbar. Ein wenig ungewöhnlich und interessant sind dann nur noch die kleinen Luftschlitze oben links und rechts vom Zubehörschuh. Das ist nämlich ein Stereomikrofon, das irgendwie seltsam platziert ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich damit gut Ton von vorne aufnehmen kann. Aber das machen wohl die wenigsten, denn die Kamera hat einen Mikrofonanschluss.

Eigenschaften

Mit einem zusätzlichen Interface kann man die Videoeigenschaften der GH4 voll ausreizen und unkomprimiertes Video oder Audio per XLR-Anschluss ausgeben.
Mit einem zusätzlichen Interface kann man die Videoeigenschaften der GH4 voll ausreizen und unkomprimiertes Video oder Audio per XLR-Anschluss ausgeben.

Die Panasonic GH4 hat einen vergleichsweise kleinen Sensor – also zumindest kleiner als APS-C – und darauf fröhliche 16 Megapixel (effektiv) versammelt. Im Magnesium-Gehäuse klebt außerdem ein Wifi- und ein NFC-Modul zum kabellosen Flüstern und Fernsteuern (Panasonic hat übrigens eine der wenigen wirklich geilen Remote-Apps für seine Kameras).

Wenn die GH4 schon so auf Profikamera machen will, warum hat sie dann eigentlich kein Statusdisplay oben, hm? Konnte sie mir auch nicht erklären, aber ich mag ohne nicht leben. Ich möchte nicht durch den Sucher oder auf den Monitor schauen, um zu checken, welche Belichtung ich eingestellt habe. Denn da beide Anzeigen elektronisch sind und durch Sensoren gesteuert werden, fressen sie auch viel Strom.

Kaum vermeiden lässt sich das beim Aufnehmen von Video. Da lässt die Kamera einfach keine Wünsche offen. Es stehen zig Formate und Auflösungen zur Verfügung. Full-HD wird mit einer lächerlich gigantischen Datenrate von bis zu 200 Mbps durch die Leiterbahnen gewürgt und ja, wie gesagt: das Ding zeichnet auch 4k auf. Oder UltraHD. Oder mit einer Auflösung von 4.096 x 2.160 px. Ich habe zwar keinen geeigneten Monitor, der die Videos in dieser Größe zeigt, aber die Standbilder lösen schon ein Prickeln auf der Netzhaut aus. Es ist einfach ein geiles Gefühl, so ein kompaktes Gerät in der Hand zu haben und mal eben im allgemein hochauflösendsten Videostandard aufnehmen zu können.

4k-Standbild aus einer Videoaufnahme entnommen.
4k-Standbild aus einer Videoaufnahme entnommen.

Performance

panasonic_gh4_backVideo und Geschwindigkeit. Die Panasonic GH4 ist die zweite Spiegellose überhaupt, die ich mir persönlich als Alternative für eine SLR vorstellen könnte. Amen.

Der Kontrast-Autofokus ist wirklich verflucht schnell, meine Damen und Herren! Es gibt die üblichen Modi: manuell fokussieren, Einzelfokussierung, kontinuierliche Fokussierung und einen Sondermodus. Bei diesem schaltet die Kamera permanent zwischen AF-S und AF-C um – je nachdem, ob sich das erkannte Motiv bewegt oder nicht. Dazu wird der Fokus schnell ins Zielgebiet gefahren, eine Software errechnet wahrscheinliche Bewegungsrichtungen, es werden – ohne dass man es merkt – zwei Bilder geschossen und ausgewertet und es wird nachjustiert. Das ganze dauert laut Panasonic 0,07 Sekunden. Ein Sorglosmodus, der erstaunlich gut funktioniert, aber bei ganz bewusster Bildgestaltung gern daneben greift. Gedanken lesen kann das Ding also nicht nicht.

Davon abgesehen entgeht dem Autofokus praktisch kein Motiv. Ich kenne nur wenige Kameras die so schnell sind. Das ganze geht noch weiter: mit dem Touch-Monitor kann ich in Echtzeit das Fokusfeld verschieben, Gesichter suchen lassen und auch bei der Videoaufnahme regelt die Schärfe ständig mit. Das führt manchmal zu einem vibrierenden Bild aber nimmt einem viel Arbeit ab.

Wo wir schon beim Fokus sind: wie schnell die Prozessoren sind, merkt man dort besonders. Die Bedienung über den Monitor ist praktisch verzögerungsfrei und wirklich Spaß macht die Peaking-Funktion, die bei manuellem Fokus die Bereiche im Bild hervorhebt, die gerade scharfgestellt sind. Ich liebe diese Funktion und diese aufwendigen Berechnungen machen die Kamera nicht spürbar langsamer. Verantwortlich sind dafür sicher nicht zuletzt vier Kerne, mit denen das Rechenkraftwerk arbeitet.

Langsam ist sowieso fast keine Option für die GH4. Mit mechanischem Verschluss reißt die Kamera pro Sekunde 12 Bilder in voller Auflösung runter. Bei kontinuierlicher Schärfenachführung sind es 7. Rein elektronisch scharrt sie mit den Hufen und saugt sich pro Sekunde mit 40 Bildern voll. Zwar ist nach 3 Sekunden Schluss, aber man hat anschließend 120 Highspeed-Aufnahmen in denen man einen Ballon platzen sehen kann. Schon geil.

panasonic_gh4_frontOben habe ich den elektronischen Sucher als Eigenschaften erwähnt, hier seine Performance: joanajaschon, ja. Ach ich weiß nicht, EVFs kriegen mich einfach noch nicht. Die besten bisher fand ich bei Sony und Olympus. Der in der GH4 ist ebenfalls schick anzusehen, aber er fühlt sich einfach zu digital an. Das Bild wird (kann man bestimmt abschalten) elektronisch verstärkt, damit man immer was sieht, aber das lenkt mich zu sehr ab, denn im Dunkeln rauscht es übel und manchmal hängt das Bild bei schnellen Schwenks. Gnah!

Auch wenn ich den Autofokus so bejubelt habe, ganz zufrieden bin ich damit auch nicht. Hervorragende Performance bei Videos, aber bei Fotos hat er mir immer wieder mal daneben getatscht. Keine Ahnung, ob er verstellt war oder das Fokusfeld zu groß gewählt war. Zwei/Dreimal hat er mich genervt. Auch nur Restgeil: die Sucherlupe. Wählt man die Schärfe manuell, wird ein Teil des Bildausschnitts in Echtzeit vergrößert und man kann genauer das Motiv sehen. Auch im EVF. Und das irritiert einen so dermaßen, weil man nichts mehr vom Bild drumrum sieht. Als bekommt man Biergläser auf die Augen und wird auf die Autobahn geschubst.

Fazit

Hm, für wen empfiehlt sich die Panasonic GH4 eigentlich? Sie ist eine vollwertige Fotokamera, die mit einer angenehm moderaten Auflösung und besonders rasanter Arbeitsgeschwindigkeit punkten kann.
Und sie ist ein High-Tech-Camcorder, der zu irgendwie noch erschwinglichen Preisen jedermann das Filmen in 4k ermöglicht. Und zwar in einer Qualität, die bei Film- und Fernsehproduktionen eingesetzt werden kann.
Ich muss ganz ehrlich sagen: Die GH4 hat mir echt Spaß gemacht, aber mir steckt nicht genug Foto in der Kamera. Als Fotograf würde ich mir das Ding wohl nicht kaufen. Als Hobbyfilmer oder Youtuber dagegen…macht Panasonic da eine echte Ansage.

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Mehr! Die Bilder oben in Originalauflösung kann man sich hier anschauen. Weitere voll aufgelöste Bilder zu meinen Hands On-Berichten sind hier zu finden. Mehr Hands on-Berichte selbst zu verschiedensten Kameras und Objektiven gibt es hier.

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8 Gedanken zu “Hands on: Panasonic GH4

  1. Wie immer schön geschriebener Bericht :)

    Was heißt denn eigentlich „geditscht“? :) Klang für mich eher wie sächsicher Dialekt, wo es sowas wie „stippen“ bedeutet.

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