Vollformat vs. APS-C, Teil 4

In den letzten Teilen dieser Artikelserie ging es um die geschichtlichen Hintergründe, die digitale Entwicklung und schließlich die geballte Theorie, die hinter den Unterschieden von Vollformat- und APS-C-Sensoren steckt. Heute schließt eine kurze Zusammenfassung ab.

Wer bis zu diesem Artikel durchgehalten hat, weiß nun mehr als der Durchschnitts-Kameraverkäufer im Elektronikdiscounter um die Ecke. Glückwunsch! :)
Das soll kein Vorurteil sein, da gibt’s bestimmt auch löbliche Ausnahmen – allerdings habe ich noch keine (!) getroffen.

vollformat_vs_apsc_boardIhr wisst nun, wie sich die Sensorformate der modernen Fotografie entwickelt haben, in welchen Ausprägungen sie existieren und was die wesentlichen Unterschiede zwischen den beiden relevantesten ist: APS-C und Vollformat.
Wenn euch ein Verkäufer eine Vollformatkamera aufschwatzen will und ihr unverblümt fragt: Warum sollte ich die kaufen? Und er antwortet: Ja weil, die macht halt schönere Bilder! Dann könnt ihr lächeln und wisst, warum sie schönere Bilder macht.
Unter Umständen.
Denn ich möchte hiermit nicht die APS-C-Kameras verteufeln. Auch wenn es für mich keine Rückkehr mehr zu diesem Format gibt, heißt das nicht, dass es schlecht und unterlegen ist. APS-C macht durchaus Sinn.

Vor- und Nachteile

Wenn euch ein Verkäufer eine Vollformatkamera aufschwatzen will und ihr habt im schlimmsten Fall bereits eine APS-C-Kamera, dann wisst ihr jetzt auch, was noch auf euch zukommt. Nämlich der Neukauf möglicherweise aller Objektive. Denn ihr wollt vor einen so potenten Sensor kein Objektiv setzen, das schlicht nicht soviel Leistung bringen kann, wie der Sensor verlangt. Ihr wollt mehr Lichtstärke, mehr Flexibilität und mehr Qualität.

Und dafür müsst ihr blechen.

Der Aufstieg in die Vollformatfotografie kann finanziell empfindlich sein. Ich weiß das, denn ich habe zwei Nieren, drei Daumennägel und meinen Verstand verkauft, damit ich mir meine jetzige Kamera leisten konnte. :)
Nach den Objektiven kommen eventuell neue Filter, Zusatzakkus, ein Akkugriff, ein Tragegurt (denn die Kamera ist schwerer und wuchtiger), sowie natürlich flotte Speicherkarten hinzu. Denn die Bilder, die aus einer Vollformatkamera kommen, enthalten viel mehr Informationen als die einer APS-C-Kamera. Die RAWs meiner Nikon D800 zum Beispiel sind irrwitzige 70 Megabyte groß. Im Dauerlaufmodus ballert die Kamera also mal eben über 300 Megabyte pro Sekunde auf die Speicherkarte, die schnell und viel schlucken muss.

vollformat_vs_apsc_bag

Im Gegenzug wird man mit einer Bildqualität belohnt, die APS-C-und-kleiner-Fotografen so richtig die Augen öffnen wird.

nikon-d800e-test01-010_onlineAll die vermeintlichen Einschränkungen und Nachteile oben sind natürlich die Vorteile für APS-C-Kameras. Sie sind in der Regel insgesamt leichter und bringen unter Umständen samt Objektiv vielleicht 600 Gramm auf die Waage. Auch die Objektive sind entsprechend aufgebaut – klein, sehr kompakt und weitgehend aus Kunststoff. Sie sind für gewöhnlich weniger lichtstark, aber dafür braucht man „weniger Brennweite“ um weiter rein zu zoomen. Gerade für Tierfotografen kann das ein Vorteil sein. Auch der Output ist weniger hoch.

Noch ein kurzer Seitenschwenk auf den „SLR-Effekt“, der bei Vollformatkameras stärker ausgeprägt sein soll. Das habe ich im letzten Artikel erklärt und das trifft prinzipiell und vor allem im physikalischen Sinn auch zu.
Ich habe auch versucht, das einmal am Beispiel zu verdeutlichen und durchzumessen. Das Ergebnis war interessant: der Eindruck von Schärfentiefe ist bei modernen APS-C-Kameras erstaunlich hoch. Bei mittleren Blenden und im Telebereich sind kaum nennenswerte Unterschiede bei Freistelleffekten zu sehen. Ich musste die Schärfeausdehnung der Kameras per Software durchmessen, um tatsächliche Unterschiede benennen zu können. Bei sehr großen Offenblenden wie f2,8 und weiter liegen aber die Vollformatmodelle deutlich vorn.

Das sind nur die optischen Aspekte. Wissen darf man auch, dass Vollformat noch immer eher im Profilager angesiedelt ist und die Kameras entsprechend aufgebaut sind. Stärkere, robustere Gehäuse, schnellere Verschlusszeiten, besseres Rauschverhalten, langlebigere Materialien, mehr Konfigurationsmöglichkeiten. Wer darauf wert legt oder wer mit seinen Fotos Geld verdienen muss, wird sich für eine Vollformatkamera entscheiden. Wer das nicht braucht, für den ist vermutlich sogar eine APS-C-Kamera die richtigere.

Euer Ding

Letztlich ist das eine persönliche Entscheidung. Ich hoffe, mit meinen Erklärungen könnt ihr eine solche leichter fällen, wenn es mal sein sollte.
Oder ihr könnt mit Hintergrundwissen klotzen, wenn euer Gegenüber dankenswerterweise Bullshit erzählt! ;)

Falls euch die Artikelserie gefallen hat, interessiert euch eventuell auch mein Workshop zum Bildmanagement. Aber ihr könnt mir gerne auch eine schnelle Meinung in den Kommentaren hinterlassen, das würde mich freuen. Und wenn ihr mögt, schreibt auch, ob ihr euch was zu einem anderen Thema wünschen würdet.

Inhalt:

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22 Gedanken zu “Vollformat vs. APS-C, Teil 4

  1. Seufz… Gut erklärt…
    Den Brennweitenvorteil sehe ich für mich schon auch. Allerdings auch meine 8-16 Linse die ja nur einer 12-24 entspricht….
    Und die guten Tilt Shift gibts für Crop nur wenig und bei den wenigen wird die Brennweite auch zum Nachteil. Ich würde da was um die effektiv 20-24 wollen. Für meine gibt’s nur ein 24 er Walimex das dann zum 36 er wird. Aber ok.
    Wenn ich mein Fotografierverhalten aber so anschau (und mein Konto) werde ich der Crop noch treu bleiben… Vielleicht wenn ich mal groß bin… ;)
    Die Tage war ich übrigens auf Tour, mit meiner Pentax und der Budget Linse 50/1.8 die aus Plastik ist und auch so klingt (der übelste Klang den ich jemals gehört habe) aber ganz ordentlich abbildet (für den Preis), und den beiden Limited 40 und 70, beide Metall. Das 70 entspricht somit einem 105er und ist sehr unauffällig bei Personenfotografie (SR im Body). Da ich weiß dass du noch ein Pentax Gen irgendwo vergraben hast, nimm das 70 mal in die Hand und schraub und zieh mal daran rum. Nur mal anfassen… Ich geb meins niemals wieder her…
    Einfach perfekt!
    ;)
    Schönen Sonntag!

    1. Danke für deine Erfahrungswerte, autopict!

      Das 24er T/S von Walimex habe ich übrigens auch mal ausprobiert und war überrascht, wie gut das ist. Aber das mit den Brennweitenunterschieden ist schon so eine Sache, stimmt. Wirklich schade, dass die Bandbreite für APS-C da nicht (ganz so) groß ist, wie für das Vollformat. Ich schätze mal, dass bei den Herstellern der tiefe Glauben verankert ist, dass APS-C-Fotografen nicht so hohe Ansprüche stellen. Gleichzeitig wollen sie das VF-Portfolio schützen. Ein bisschen schade.

      Mhm, mann, du machst schon echt neugierig auf das 70er und die Limited Serie. Ich muss Pentax vielleicht doch mal anrufen… :)

      Gruß, ml

  2. Wieder interessant und lehrreich deine Ausführungen. Mir macht es Spaß sie zu lesen. Wie Du schon sagst, unterm Strich muss sich jeder selbst entscheiden mit was er seine Umwelt festhalten will. Es gibt Leute die mit ihrem Handy fantastische Bilder hinkriegen ( vom iPhon ist der Sensor übrings 4,5 x 3,4 mm groß ) und es gibt Fotografen die mit ihren Vollformat Kameras Ausstellungen bestücken und auch noch Geld dafür haben wollen, wo man sich fragt wie geht das. Die Garantie für gute Bilder kann man nicht kaufen, da muß man schon selber ran.
    Auf der Suche für den Stoff einen neuen Artikels würde ich mal Schwarz Weiß Fotografie in den Raum schmeißen. Ob und wann, wann auf keinen Fall. Einfach nur so Deine Meinung und Erfahrung.
    Schönen Sontag noch. Thomas

    1. Danke dir, wolter!

      Über die Sensorgröße des iPhone habe ich auch schon diskutiert und nachgerechnet. Die 4,5×3,4mm resultieren aus dem Umrechnungsfaktor von Zoll in cm. Das sind aber keine echten Zoll wie auf einem Metermaß, sondern wurde von der Größenbezeichnung von Fernsehern übernommen. Ein solcher Zoll ist nur etwa 2/3 so viel wie ein „echter“ Zoll.

      „Die Garantie für gute Bilder kann man nicht kaufen, da muß man schon selber ran.“ Besser könnte ich es auch nicht ausdrücken. Und eine interessante Idee zum Thema Schwarzweiß. Bin immer offen für solche Vorschläge, danke!

      Gruß, ml

  3. Schöne Artikelserie, da bin ich auch bei weiteren Themen dabei. Warum Du aber 70 MB-Bilder mit der D800 erzeugst, verstehe ich nicht. Meine sind in der Regel zwischen 40 und 50 MB gross, habe aber auch die verlustfreie RAW-Komprimierung in der Kamera aktiviert. Warum nutzt Du das nicht?

    1. Hi Stefan!

      Hm, letztlich ist das wohl Geschmacksache oder eine Glaubensfrage. Ich folge da einem Ideal: Die RAW-Datei ist ein digitales Negativ. Und das möchte ich so weit wie möglich unbearbeitet bekommen und behalten, wie es geht. Da sollen 100 Prozent Daten für mich drin sein.

      Zum einen, weil ich jetzt noch nicht weiß, was zukünftige RAW-Konverter vielleicht noch rausholen können. Zum anderen, weil ich – wenn ich im Studio arbeite – oft sehr diffiziele Beleuchtungssituationen habe. Da muss ich unter Umständen noch Detailzeichnung in hellsten Bereichen haben oder noch etwas aus vermeintlich schwarzen Motivbereichen herausholen können. Das möchte ich nicht unbedingt in die Hände eines Algorithmus legen, der der Meinung ist, in diesem und jenem Signalgang ist nichts mehr herauszuholen.

      Und nach all dem ist es Faulheit. Wenn ich die Kamera schon auf unkomprimiert stehen habe, dann lasse ich sie auch da. Der Geschwindigkeitsvorteil beim schnelleren Schreiben spielt für mich keine Rolle und der erhöhte Speicherverbrauch hält mich dazu an, jedes Bild auszusortieren, das mir nicht sofort gefällt.

      Gruß, ml

  4. Gute Serie zum Thema APS-C vs. Vollformat. Obwohl ich im Fachhandel bereits gut beraten wurde ist mir jetzt klar warum ich eher ein wenig mehr Geld in die Hand nehme und eine Vollformatkamera kaufen werde.

    1. Hallo, R. Peters!

      Das freut mich ungemein zu hören – nicht nur die gute Beratung im Fachhandel, sondern auch, dass die Reihe Klarheit verschaffen konnte.

      Nicht jeder benötigt eine Vollformatkamera, darum versuchte ich das recht objektiv zu halten. Aber mir selbst hat ein solches Gerät nochmal richtig die Augen geöffnet. Tolles Gefühl und viel Spaß mit dem Vorhaben!

      Gruß, ml

  5. Super, danke für die tollen Darstellungen! Ich stehe gerade vor der Entscheidung ein neues Objektiv, kleine Brennweide anzuschaffen und habe festgestellt, dass ich eine Vollformat (Video) Kamera habe, das Serienobjektiv aber ein APS-C ist. Eine Verzeichnung etc. kann ich nicht feststellen, so dass ich vermute, dass die Kamera das erkenn und automatisch darauf regiert. Jedenfalls weis ich jetzt was ich ggf. durch ein Vollformatobjektiv gewinnen würde.
    Stellt sich nur noch die Frage ob ich, wenn ich 4K aufnehmen möchte (die Kamera kann das nach upgrade) ein APS-C Objektiv z.B. gar nicht mehr verwenden kann. Dazu habe ich noch nicht viel gefunden.

    1. Hallo Scuba!

      Vielleicht kannst du kurz die Modellbezeichnungen von Objektiv und Kamera schreiben? VF-Kamera plus APS-C-Optik als Serienmodell erscheint mir ungewöhnlich….

      Ich kenne die Auflösung deines Sensors nicht, aber wenn die Kamera bei passendem Objektiv auf APS-C umschaltet und die Fotos dann immer noch 10 MP haben, dann reicht das für 4k-Aufnahmen mit dem Objektiv. Denn das Cinema-4k hat die Maße 4096 × 2304.

      Gruß, ml

      1. Hallo, das ist wie gesagt eine Videokamera, Vollformat: Sony FS700, mit dem Objektiv SEL18200. Wenn ich nach dem Objektiv suche wird es als APS-C angegeben. Da man ja im Video-Bereich normalerweise HD aufzeichnet (1920×1080) ist das ja auch kein Problem. Die Kamera erkennt vermutlich das Objektiv und stellt sich darauf ein, deswegen hab ich auch keine Vignettierung, Schatten, Randunschärfe.
        Die Kamera kann aber mehr: 4k = UltraHD. Leider kann ich das noch nicht testen, da man dafür ein anderes Speichermedium Braucht (SDCard geht da nicht mehr).
        Das schöne, alles was Du beschrieben hastz passt, da man an dieser Kamera praktisch jedes Objektiv verwenden kann.
        Da ich ein anders Objektiv mit kleiner Brennweite benötige, stellt sich die Frage, wenn ich ein APS-C nehmen würde, ob ich damit 4K aufnehmen könnte. Denke ich frag auch mal beim Hersteller nach. Aber wahrscheinlich würde ich so oder so auf Vollformat gehen: Wieso mit angezogener Handbremse fahren :-)

      2. Ach was, die FS700? Geiles Teil, das würde ich auch zu gern mal ausprobieren. :)

        Also die echten Videokameras wie die FS700 nutzen fast alle leicht andere Sensorformate wie Fotokameras, über die ich geschrieben habe. Der Sensor der Sony ist 23mm mal 13 mm groß – das ist also praktisch APS-C-Größe und noch ein ganzes Stück unter Vollformat. Die Kamera muss also das Objektiv nicht erkennen und sich nicht darauf einstellen – da wird nichts verkleinert, der Sensor „kann einfach nicht mehr Bild erfassen“.

        Das SEL18200 macht also durchaus Sinn. Ein Vollformatobjektiv würde dagegen wenig Sinn machen, denn der Sensor der Kamera ist kleiner als der Bildkreis des Objektivs.

        Die gute Nachricht: du kannst praktisch jedes Objektiv nehmen, das du möchtest. Verglichen mit Fotoauflösung ist 4k ja relativ klein und der Sensor wird immer das ganze Bild einfangen.

        Gruß, ml

  6. Hallo Mario, danke für die sehr hilfreiche Aufklärung. Meine Befürchtungen haben sich somit bestätigt. Hat die Kamera einen APS-C-Sensor (und vor allem steht da was von Formfaktor größer 1), beschneidet sie mein mögliches Bild. Mist…
    Danke nochmal und liebe Grüße
    Christian Schrod

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