Eine Reise in unsere stellare Nachbarschaft

Okay, gestattet mir heute einmal, dass ich euch ein paar Verhältnisse vor Augen halte. Große Verhältnisse, die aus einem leicht veränderten Blickwinkel doch so furchtbar klein erscheinen können…

Den Mond kennt ja jeder – mittlerweile kennen ihn auch einige Menschen persönlich, da sie schon mal dort waren. Wir wissen alles mögliche über ihn, was nicht zuletzt daran liegt, dass er der uns nächste Himmelskörper ist. Die mittlere Entfernung beträgt 384.400 km (je nachdem, in welcher Stimmung der Mond ist auch mal mehr oder weniger). Ziemlich weit, trotzdem braucht ein entsprechendes Taxi samt Reisegästen nur 3 bis 4 Tage für einen Besuch dort.

Neben dem Steinbrocken in unmittelbarer Nähe gibt es dann noch die Sonne, die für uns auch nicht ganz unbedeutend ist. Dorthin waren auch schon viele Leute unterwegs, glasklar bewiesen durch zahlreiche SciFi-Filme. Allerdings waren diese Sonnenanbeter etwas länger unterwegs, denn bis zum bekanntesten Stern der Menschenwelt ist es ungefähr 390mal so weit wie bis zum Mond. Die mittlere Entfernung beträgt ca. 150.000.000 km, was bedeutet, dass die Rechnung für dieses Taxi ziemlich lang werden würde – immerhin könnten die Fahrgäste auf der Hinfahrt viermal Geburtstag feiern. Das Licht der Sonne selbst benutzt währenddessen einfach mal die Überholspur und braucht gerade mal 8 Minuten für die Strecke.

Wie man sieht, sind Entfernungen relativ. Und für uns Menschen hauptsächlich relativ groß, je mehr wir merken, wie klein wir sind. Gemessen an der Größe unseres Sonnensystems ist sogar die Sonne selbst recht klein – obwohl sich mal wieder alles nach ihr dreht. Sich die Abstände innerhalb unseres Systems zu verdeutlichen, ist schon relativ schwierig – man kann es mit einem Erlebnis vergleichen, das ich mal hatte: ich war in Göttingen, genauer gesagt, in einem nahe gelegenen Waldstück und stolperte dort über eine Markierung. Drauf stand „Merkur“. Später entdeckte ich weitere solcher Markierungen über die ganze Stadt verstreut: Grund der wenig nützlichen aber umso interessanteren Aktion: das Sonnensystem ist maßstabsgetreu in Göttingen und Umgebung abgebildet. Solche Planetenwege sind übrigens recht beliebt.

Egal, zurück zum Thema: ich war gerade dabei, euch zu verklickern, dass unser Sonnensystem einen Durchmesser von fast zwölf Milliarden Kilometern hat. Hier spürt man schon den Hang der Menschen, alles ein wenig zu vereinfachen, damit man es sich besser vorstellen kann (oder nicht gleich wahnsinnig wird), denn ausgeschrieben sind das schon jede Menge Nullen hinter der Zwölf. Im Vergleich mit dem Trip zur Sonne würde eine Durchquerung des Systems 80mal so weit sein – vorausgesetzt, man benutzt immer noch das gleiche Taxi und es wurde nicht schon längst von Meteoritenschauern zu Klump geschossen. Vermutlich wäre es aber ein größeres und geräumigeres Taxi, denn damit von der Reise noch jemand erzählen kann, während ca. 4 Generationen an Taxifahrgästen nötig, um wenigstens eine Fahrt mitzuerleben.

Das finden die Astronomen vermutlich ziemlich entmutigend, darum haben sie sich eine neue Einheit einfallen lassen und nennen den Abstand zwischen Erde und Sonne „1 AE“, also eine astronomische Einheit. Das klingt schon wesentlich positiver, reicht aber auch nicht allzulange aus, wenn man zum Beispiel mal die Einsamkeit unserer Sonne beschreiben will. Falls die mal ihrer Nachbarin zuzwinkern will (die trägt übrigens den hochtrabenden Titel Proxima Centauri), dauert es 4 Lichtjahre, bis diese das Zwinkern überhaupt sehen kann. Das Licht unserer Sonne ist also 4 Jahre lang unterwegs zum nächstgelegenen Stern, was schätzungsweise 38 Billionen Kilometern entspricht. Einen Besuch dort können wir Menschen uns vorerst abschminken, so weit fährt dann doch kein Taxi.

Gucken können wir aber ja mal und wenn wir so gucken, sehen wir, dass die Sonne samt ihrem System in doch recht geselliger Umgebung ist. Ihre Heimat und die von … tja, von wievielen weiteren Systemen ist? Witzigerweise weiß das niemand so genau. Schätzungen behaupten, dass es in der Milchstraße zwischen 100 und 300 Milliarden weitere Systeme gibt, Miesmacher behaupten, dass wir noch nicht einmal so weit sind, diese Zahl überhaupt schätzen zu können. Ist auch ein wenig schwierig, denn, um einmal in jede Richtung schauen zu können, bräuchten wir einen Rundumlauf um das Zentrum der Milchstraße und dazu braucht unsere Sonne 220 bis 240 Millionen Jahre. Wer das langsam findet, sollte wissen, dass sie mit 220km pro Sekunde durch den Weltraum rast.

Entfernungsangaben lasse ich ab jetzt einfach mal weg – das wäre zu entmutigend, wenn ich behaupte, dass auch die Milchstraße eine Nachbarschaft besitzt. Unter diesen Anwohnern geht es allerdings nicht so ganz friedlich zu, denn die nächstentfernte Galaxie ist der Canis-Major-Zwerg, der gerade von der Milchstraße in seine Bestandteile zerrissen wird. Zwerggalaxien haben anscheinend einen schlechten Ruf im Universum, denn auch die nur knapp weiter weg liegende Sagittarius-Zwerggalaxie wird von der Milchstraße einverleibt.

Etwas ruhiger geht es zwischen den „großen“ Nachbarn zu; zusammen mit der Andromeda-Galaxie, dem Dreiecksnebel (M 33) und einigen anderen kleineren Galaxien bildet die Milchstraße eine Wohngemeinschaft namens „Lokale Gruppe“ und trifft sich regelmässig zu einem Kaffeeklatsch. Andromeda hat es dabei relativ eilig, die Galaxie bewegt sich nämlich mit 120km/s auf die Milchstraße zu. Zusammen befindet sich die Lokale Gruppe als Teil des Virgo-Superhaufens, der mit weiteren Bekannten dem Shapley-Superhaufen demnächst (was hoffnungslos untertrieben ist) einen Besuch abstatten wird.

Mit dieser Beschreibung und dem Größenvergleich habt ihr jetzt eine ungefähre Vorstellung davon, auf was für Verhältnisse ihr einen Blick werft, wenn ihr euch das hier anschaut:

Das ist eine sogenannte Deep-View-Aufnahme, die in Chile gemacht wurde. Das bedeutet, dass man mit einem Fernrohr solange auf eine Stelle des Himmels gestarrt hat, bis auch das Licht entfernter Galaxien zu sehen war. Zu sehen sind nicht etwa Sterne, wie auf dem Windows 3.11-Bildschirmschoner, sondern Galaxien-Haufen. Links unterhalb der Bildmitte sind einige gelbliche Lichtflecke zu sehen; das ist Abell 315 – eine Gang von 100 Milchstraßen sozusagen.

Einige der Galaxien, die oben zu sehen sind, existieren vielleicht gar nicht mehr. Die Aufnahme zeigt sie uns nämlich, wie sie vor 8 Milliarden Jahren ausgesehen haben – so lange hat das Licht gebraucht, bis es im Teleskop gelandet ist. Und das deckt übrigens „nur“ eine Fläche unseres Mondes ab.

Ich bin ja nicht so der Astro-Freak und den Artikel hier zu schreiben hat mich auch ein bisschen Zeit gekostet, aber mit dem Hintergrundwissen, wirken diese 50 Sekunden schon ziemlich eindrucksvoll…

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